Seehofer und die alte Wand

Christoph Hentschel über den Bayernplan der CSU
|    Ausgabe vom 21. Juli 2017

Auch wenn man erst gerade anfing, die Schulbank zu drücken, als der Ersatzkini starb, sind einem als Bayer die markigen Zitate von Franz Josef Strauß bis heute noch gut bekannt. Einst sagte der Metzgersohn, der als Multimillionär starb, „Rechts von der CSU ist die Wand.“ Das Machtverständnis von Strauß und Nachkommen karikierte der Kabarettist Gerhard Polt mit den treffenden Worten „In Bayern brauchen wir keine Opposition, wir haben schon Demokratie.“ Das Auftauchen der AfD kommt für die „Christsozialen“ daher einer Gotteslästerung gleich.
Nicht dass Seehofer und Söder die Alleinherrschaft zwischen Alpen und Donau fürchten müssten. Zwischen 2008 und 2013, nachdem sich der Strauß-Zögling Edmund Stoiber an Angelika Merkel verbrannt hatte und ein Franke namens Beckstein für ein Jahr Ersatzkini spielen durfte, musste Seehofer mit der FDP die Regierung stellen. Das war aber nur ein Fehler der Geschichte, der bei den nächsten Wahlen wieder korrigiert wurde. Die AfD stellt für die CSU in Bayern keine ernsthafte Gefahr dar. Der Bayernplan, der nun in München präsentiert wurde, stellt aber wohl für den einen oder anderen verwirrten JUler die zeitgemäße Version eines antifaschistischen Schutzwalles dar. Obergrenze in der Flüchtlingsfrage, Mutter(kreuz)rente und etwas Demokratiegetue via Volksentscheide auf Bundesebene sind für ihn wohl das richtige Mittel, um den Raum zwischen CSU und Wand luftdicht zu verschließen.
Für die Herrn und Damen (!) in der CSU Parteizentrale in der Nymphenburgerstraße geht es aber mehr um die Machtverteilung in der nächsten Merkel-Regierung. Und da wusste schon Strauß, dass es vorteilhaft sein kann, wenn die Bayern (das heißt aus Sicht der CSU, die CSU) ein wenig rumstänkern und ihre eigene Suppe kochen wollen. Man sammelt Pluspunkte bei den Kaffee und Kuchen Konservativen in ihren Reihenhäusern in und außerhalb von Bayern und – viel wichtiger – man erinnert die große Schwester CDU wie wichtig man ist.
Denn grundsätzlich eint die beiden Parteien mit dem großen C im Namen die Einsicht, dass man so oder so die nächste Regierung in Berlin stellen wird. Siegesgewiss übergehen beide gemeinsam die Frage, wie die immer schiefer werdende soziale Lage in Deutschland zu begradigen ist. Privatisierungen und „ausgeglichener“ Staatshaushalt für die Banken und Konzerne sind weiter ihre Rezepte, die immer mehr Menschen in die Armut treibt.


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