Werte

Georg Fülberth zu Fußballspielern, vergleichsweise kleinen Fischen und Wertvorstellungen
|    Ausgabe vom 1. Juni 2018

Die deutschen Fußball-Nationalspieler Ilkay Gündogan und Mesut Özil haben in London den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan getroffen, sich mit ihm fotografieren lassen und ihm je ein Trikot ihrer britischen Clubs überreicht, eines davon mit einer verehrungsvollen Widmung. Sofort wurden die Bilder für den Wahlkampf des umstrittenen Staatschefs genutzt.
Erdogan ist ein Autokrat, der einen Krieg in den kurdischen Gebieten der Türkei und Syriens führt. Am 11. Januar 2016 veröffentlichten 1 128 Intellektuelle einen Appell „Wir werden nicht Teil dieses Verbrechens sein“. Sie folgten einer Initiative der seit 2012 bestehenden Bewegung „Akademiker für den Frieden“. Rasch erhöhte sich die Zahl der Unterschriften auf 2 212. Ca. 500 Unterzeichnerinnen und Unterzeichner wurden von ihren Universitäten entlassen. Nach dem Putschversuch vom Juli 2016 und der Verhängung des Ausnahmezustandes verloren weitere 130000 Menschen ihre Arbeit im Öffentlichen Dienst.
Zu den Berufsverboten kommt die Verfolgung durch die Justiz. Mittlerweile gibt es mindestens 263 Verfahren und 27 Festnahmen allein wegen des Friedensappells.
Wer Erdogans Politik ablehnt, wird sich über seine Unterstützung durch Gündogan und Özil nicht freuen. Sevim Dagdelen hat dazu das Nötige gesagt.
Aber wenn zwei das Gleiche tadeln, meinen sie nicht immer dasselbe. Da gibt es ja auch noch Alice Weidel von der AfD. Die sieht sich in ihrer anti-islamischen Haltung bestätigt. Özil habe ja noch nie die deutsche Nationalhymne mitgesungen. Klarer Fall: Muslime gehören für sie nicht zu Deutschland.
Mit der obszönen Beschimpfung Gündogans und Özils durch einen SPD-Stadtrat von Bebra wird sich kein Mensch von Geschmack gemein machen wollen. Der Mann hat sich jetzt entschuldigt: seine Bemerkung sei „scheiße“ gewesen. Kann er auch andere Wörter?
Der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, Reinhard Grindel (CDU), befand, Gündogan und Özil hätten übersehen, dass Erdogan die Werte, für die sein Verband stehe, nicht respektiere. Was mag er gemeint haben?
Der DFB ist eine Massenorganisation. Seine Mitglieder haben Spaß am Sport. Das muss reichen. Die FIFA und die Spitze des Deutschen Fußball-Bundes stecken gerade in einem Skandalsumpf. Wenn Grindel von Werten des DFB spricht, könnten etwas einfacher gestrickte Fans mutmaßen, diese hätten etwas mit Korruption zu tun.
2015 besuchte Kanzlerin Merkel vor einer Wahl Erdogan und ließ sich mit ihm knipsen. Bald danach handelte sie ein Abkommen aus, wonach die Türkei Geflüchtete von der EU fernhält und dafür Millionen bekommt. Die Bundesrepublik liefert Waffen an dieses NATO-Land, mit denen kurdische Menschen ermordet werden.
Im Vergleich dazu sind Gündogan und Özil, obwohl Millionäre, kleine Fische. Dies mag erklären, dass Bundespräsident Steinmeier ihnen eine Audienz gewährte und Joachim Löw sowie schließlich auch Grindel ihnen Absolution erteilten. Fortsetzung des Tadels hätte auf Beurteilung des Regierungshandels überschwappen können. Dem wurde jetzt vorgebeugt, auch einer Diskussion über Belange der Rüstungsindustrie.
Verschwiegen wird ein anderer Wert des Profi-Fußballs: der Kommerz. FIFA, Olympia und Bundesliga sind Unterabteilungen der Werbebranche. Hier ist Kapital angelegt. das den Warenumschlag fördern und somit die Realisierung des in der Produktion erwirtschafteten Mehrwerts erleichtern soll. Denkbar ist durchaus, dass die Manager von Gündogan und Özil den Termin bei Steinmeier angeregt haben, um ihre Klienten – sie gelten als „Marken“ – weiterhin gut im Geschäft zu halten. Sie hätten sich dann in Übereinstimmung mit gesamtkapitalistischen Interessen befunden: die Nachfrage muss am Laufen gehalten werden.
Wenn von Werten die Rede ist, sollte man sicherheitshalber in Deckung gehen. Seit Gauck darf für sie geschossen werden.


  Leserbrief schreiben

An die UZ-Redaktion (redaktion@unsere-zeit.de):

Leserbrief zu Artikel »Werte«, UZ vom 1. Juni 2018





Wir bitten darum, uns kurze Leserzuschriften zuzusenden. Sie sollten unter der Länge von 1800 Zeichen bleiben. Die Redaktion behält sich außerdem vor, Leserbriefe zu kürzen und kann nicht versprechen, dass jeder Leserbrief beantwortet oder veröffentlicht wird. Anonyme Leserzuschriften werden in der Regel nicht veröffentlicht.