Kultur
Themen: Filme

Traurige Komödie

Ein Spielfilm über die „Sonderperiode“ in Kuba
Von Hans-Günther Dicks
|    Ausgabe vom 6. Juli 2018

( DCM-FilmPressKit.de)

Amerikanische Touristen am Strand auf Kuba, wie zu Batista-Zeiten – wäre da nicht die Videokamera, mit der sie sich ausgelassen filmen. Es ist das Jahr 1994, die Zeit nach dem Ende des Bündnispartners UdSSR und unter verschärfter US-Blockade, „Período especial“ genannt. Das Radio bringt die langen Reden Fidels, warnt vor Bootsfahrten über unruhiges Meer und kündigt die planmäßigen Stromsperren in Havana an. Der kolumbianische Regisseur und Drehbuch-Koautor Jhonny Hendrix kommt gleich zur Sache und lässt schon in den ersten Minuten seines Films „Candelaria“ keinen Zweifel aufkommen, wohin die Reise gehen wird. Kennt man dann noch seine Geldgeber aus Kolumbien, Argentinien, Norwegen und Deutschland, scheint klar: Hier wird einmal mehr der Abgesang auf das sozialistische Kuba gesungen. Oder vielleicht doch nicht?
Hendrix‘ Protagonisten sind ein altes Ehepaar, Candela und Victor Hugo, beide Mittsiebziger, die ihre liebe Mühe haben, klarzukommen mit den Versorgungsengpässen und dem täglichen Hunger. Candela arbeitet in der Wäscherei eines der großen Touristenhotels und muss als Barsängerin noch dazuverdienen, Victor Hugo ist Vorleser in der Zigarrenfabrik und handelt mit Zigarren, die er dort herausschmuggelt. Heimlich zieht Carmela ein paar Küken auf, ständig in Angst vor den Aufpassern der CDR, die die staatliche Nahrungskontrolle überwachen. Ihr karges Abendessen wird zum Candlelight-Dinner nicht aus romantischem Sehnen, sondern durch die Stromsperre, und für Candelas dringende Operation ist schon gar kein Geld da – bis zu dem Tag, an dem die Videokamera der Touristen versehentlich in Candelas Schmutzwäschewagen landet und beider Leben umkrempelt.
Statt sie abzuliefern beginnen sie damit, sich selbst zu filmen beim Tanzen, Küssen und beim wiederentdeckten Sex. Doch unrecht Gut gedeihet nicht, und so gelangt die Kamera samt Aufnahmen in die Hände des Hehlers und zynischen Geschäftemachers El Carpintero. Dessen „Geschäftsidee“: Er will die Sexfilmchen an die Yankees verkaufen – gegen gute Dollars, von denen seine beiden „Pornostars“ ihren Anteil bekommen. Ein wirklich verlockendes Angebot, das seine Wirkung auf die beiden auch nicht verfehlt. Wer würde ein Vier-Gänge-Menü in einem Nobelrestaurant nicht dem täglichen Möhrenmus vorziehen und Candelas Operation wird auch immer dringlicher …
Sex im hohen Alter, Armut, die den Lockungen des Reichtums erliegt, in einem Land, das seine Libertad gegen „Freedom & Democracy“ des mächtigen Nachbarn nun allein verteidigen muss, daraus ließe sich fast alles machen: die zynische Komödie ebenso wie das Sozialmärchen und der Propagandafilm. Hendrix‘ Film entkommt solchen Verlockungen mühelos durch die humane Tiefe seiner Geschichte und vor allem seine großartige Besetzung. Alden Knight als Victor Hugo und die grandiose Verónica Lynn als Candela halten stets die Balance zwischen Alltagsverzweiflung und dem Humor, der das Elend erträglich macht, sie machen die Desillusionierung ihrer Figuren so überzeugend glaubhaft wie ihre wechselhafte Haltung zu elementaren Lebensfragen. Die Kamera von Soledad Rodriguez schafft Bilder von Weite und Sehnsucht und die Montage schafft ihnen Zeit für Besinnlichkeit. In der selbst die gelegentlichen polemischen Dialogpassagen ihr Gewicht verlieren: „Man kann nur wählen, wie man sterben will, durch Hunger, Krankheit, Unfall in der maroden Wohnung oder Ertrinken auf dem Meer“ – wenn Candela so sinniert, beschreibt sie eine triste Realität und zieht dennoch daraus nicht die falschen Schlüsse.


  Leserbrief schreiben

An die UZ-Redaktion (redaktion@unsere-zeit.de):

Leserbrief zu Artikel »Traurige Komödie«, UZ vom 6. Juli 2018





Wir bitten darum, uns kurze Leserzuschriften zuzusenden. Sie sollten unter der Länge von 1800 Zeichen bleiben. Die Redaktion behält sich außerdem vor, Leserbriefe zu kürzen und kann nicht versprechen, dass jeder Leserbrief beantwortet oder veröffentlicht wird. Anonyme Leserzuschriften werden in der Regel nicht veröffentlicht.