PSA zieht durch

Opel-Eigentümer PSA denkt über Verkauf von Teilen des Entwicklungszentrums nach – bis zu 4 000 Arbeitsplätze betroffen
Von Carmen Stachowiak
|    Ausgabe vom 13. Juli 2018

Adam Opel steht vor dem Hauptportal des Werks in Rüsselsheim. Das Foto entstand vor zehn Jahren nach einer großen Kundgebung.

Adam Opel steht vor dem Hauptportal des Werks in Rüsselsheim. Das Foto entstand vor zehn Jahren nach einer großen Kundgebung.

( Rudi Hechler)

Nachdem Ende Mai in einem Eckpunktepapier Kündigungsschutz bis 2023 vereinbart worden war und sich die Opelaner ein paar Wochen in Sicherheit wiegten, kam nun das böse Erwachen. Am Mittwochmorgen, direkt vor den Werksferien, schlug die Nachricht ein wie eine Granate: Der Opel-Eigentümer PSA und die Opel Geschäftsleitung verhandeln mit den „Dienstleistungsunternehmen“ Altran, Akka, Segula Technologies und Bertrandt über „Strategische Partnerschaften“ – also den Teilverkauf des Entwicklungszentrums in Rüsselsheim. Für die Bereiche Fahrzeugentwicklung, Antriebsstrang, Werkzeugbau und das Testzentrum Dudenhofen mit insgesamt etwa 4  000 Beschäftigten wird ein Käufer gesucht – hinter dem Rücken der Beschäftigtenvertreter und der Gewerkschaften.
Auf einer kurzfristig anberaumten Betriebsversammlung fand der Betriebsratsvorsitzende Wolfgang Schäfer-Klug deutliche Worte. Die Belegschaft sei bewusst belogen worden und er sei pessimistisch, dass es zu einer Verständigung oder Einigung zu dieser Frage kommen könne - das Herz der Marke Opel werde angegriffen. Ein Zitat aus einem internen Schreiben aus den Verhandlungen zeigt, worum es den Kapitalvertretern geht: Mit aller Macht müsse verhindert werden, dass die IG Metall in dem neuen Unternehmen Fuß fasse. Das zeige auch den Weg, so Schäfer-Klug, wie wir als Beschäftigte uns dagegen wehren könnten. Wir müssen die Gewerkschaft stark machen. Denn bei diesem Thema stoße der Betriebsrat an die Grenzen der Mitbestimmung. Man könne so eine unternehmerische Entscheidung etwas hinauszögern und den Arbeitgeber zeitweise an den Verhandlungstisch zwingen, aber es laufe auf eine gewerkschaftliche Auseinandersetzung hinaus. Die Geschäftsleitung blieb der Veranstaltung fern, da es, so Lohscheller in einem Schreiben an alle Mitarbeiter, beim aktuellen Stand der Verhandlungen nichts zu berichten gebe.
Auch an anderen Stellen eskaliert der Konflikt. Im Werk Rüsselsheim ist eine radikale Abtaktung von aktuell 55 auf 42 Fahrzeuge pro Stunde geplant. Der Betriebsrat sieht dies nicht als normale Reaktion auf Absatzschwankungen, sondern als strategischen Schritt im Rahmen des Sanierungsplans PACE. Ziel ist, kurzfristig alle bis auf 50 Leiharbeitnehmer abzumelden und die flächendeckende Personalunterausdeckung als Dauerzustand zu zementieren. Auf Volumenerhöhungen oder Störungen soll dann, wie in den französischen Werken an der Tagesordnung, mit Sonderschichten reagiert werden. Der Betriebsrat versucht, dies zu verhindern. Die Werksleitung droht mit Klagen wegen Störung des Betriebsfriedens.
PSA zieht durch, ohne Rücksicht auf Verluste. Die geplanten Synergien von jährlich 1,7 Mrd. Euro sollen realisiert werden. Das aktuelle Vorgehen macht deutlich, dass es kein Interesse an und im Automobilmarkt auch keinen Platz gibt für eine eigenständige Marke Opel. Wenn diese Pläne verwirklicht werden, bleibt Opel in der PSA-Gruppe neben ein paar Kompetenzzentren und der Verantwortung für leichte Nutzfahrzeuge nur noch das „Badge-Engineering“ übrig – also den Opel-Blitz an französische Fahrzeuge anzuschrauben.
Das wird vielen Kollegen klar, und die Wut auf das Management wächst. Die Hoffnung der Kollegen auf Ruhe und Sicherheit ist eine Illusion. Es hilft nur aktive Unruhe, das beginnen auch viele Ingenieurskollegen zu verstehen. Da dieser letzte Angriff sich direkt gegen die Ingenieure richtet, sind sie es auch, die sich organisieren und wehren müssen. Die Organisierung dieser Teile der Belegschaft ist jetzt vorrangige Aufgabe der Gewerkschaftsvertreter im Betrieb. Aber es bleiben Zweifel, ob Betriebsrat und IG Metall den notwendigen Kampf gegen Auslagerungen und die weitere Zerschlagung des Unternehmens ernsthaft angehen oder den Niedergang nur verwalten werden. Als unmittelbare Reaktion auf die Nachrichten zum Verkauf wurden die Vereinbarungen des Eckpunktepapiers in einem sogenannten Zukunftstarifvertrag zementiert. Darin festgeschrieben: Ein Kündigungsschutz bis 2023, der nicht vor Auslagerungen schützt, bezahlt mit dem Absinken der Opel-Beschäftigten unter den Flächentarifvertrag der Metall- und Elektroindustrie.


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