Sozial ist, was Arbeit schafft?

Ulf Immelt zum „deutschen Jobwunder“
|    Ausgabe vom 10. August 2018

Es gibt kaum einen Tag, an dem sich die etablierte Politik nicht für vermeintlich gute Arbeitsmarktstatistiken feiern lässt. Die dort präsentierten Zahlen scheinen dem alten neoliberalen Credo „Sozial ist, was Arbeit schafft“ Recht zu geben. Dabei spielt die Qualität der Arbeit keine Rolle.
Es ist den Vertretern unserer kapitalistischen Wirtschaftsordnung egal, ob die Arbeit, befristet, unterbezahlt und krank machend ist. Es gilt das Prinzip: Hauptsache Arbeit. Denn die Arbeit ist es schließlich, die deren Profite schafft. Dem haben die Gewerkschaften die Forderung nach „Guter Arbeit“ entgegengesetzt. Arbeit, von der man in Würde leben kann und gesund die Rente erreicht. „Gute Arbeit“ bedeutet auch Wertschätzung und Respekt und nicht zuletzt Mitbestimmung und Demokratie im Betrieb.
Zwischenzeitlich sprachen auch einige sogenannte Experten aus der Wissenschaft und Politik von „Guter Arbeit“. Der DGB hat lieber die wirklichen Experten zum Thema „Gute Arbeit“ befragt: Die Kolleginnen und Kollegen in den Betrieben. Ergebnisse dieser Befragungen waren, dass Arbeitsintensivierung und Leistungsverdichtung ständig zunehmen. 63 Prozent der Beschäftigten machten die Erfahrung, dass sie seit Jahren immer mehr in der gleichen Zeit leisten müssen. 27 Prozent der Lohnabhängigen müssen sehr häufig oder oft auch außerhalb ihrer Arbeitszeit für betriebliche Belange erreichbar sein. 20 Prozent leisten 10 und mehr Überstunden pro Woche und 49 Prozent sind innerhalb eines Jahres wiederholt auch dann zur Arbeit gegangen, wenn sie krank waren.
Außerdem wurde ein gigantischer Niedriglohnsektor zum Markenkern des bundesdeutschen Kapitalismus. Fast jeder vierte Lohnabhängige arbeitet inzwischen darin. Sieben Millionen Menschen müssen ihre Arbeitskraft für weniger als 9 Euro pro Stunde verkaufen. Die Befürworter dieser Politik behaupten gerne, Niedriglohn sei ein Einstieg ins Normalarbeitsverhältnis. Schaut man sich die Erwerbsbiographien der Betroffen an, stellt man fest, dass diese These genauso wenig stimmt wie die zweite Behauptung der Neoliberalen, im Niedriglohnsektor arbeiteten mehrheitlich Menschen ohne Berufsausbildung.
Tatsächlich haben 80 Prozent der Betroffenen eine abgeschlossene Berufsausbildung oder einen Hochschulabschluss. Mit der Zunahme von Niedriglohn und atypischer Beschäftigung gingen gleichzeitig die Normalarbeitsverhältnisse zurück. Dem könnten die Vertreter des Neoliberalismus entgegenhalten, dass sozialversicherungspflichtige Beschäftigung in den letzten Jahren doch zugenommen habe. Allerdings unterscheidet der Begriff „sozialversicherungspflichtige Beschäftigung“ nicht zwischen Tarifbindung und Mitbestimmung auf der einen Seite und unfreiwillige Teilzeit, sachgrundlose Befristung und Leiharbeit auf der anderen. Allein letztere hat von 326 000 im Jahr 2003 auf über eine Million zugenommen. Es bleibt dabei: Das „deutsche Jobwunder“ war und ist die Verdrängung tarifgebundener und mitbestimmter Normalarbeitsverhältnisse durch prekäre und atypische Beschäftigung.


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Leserbrief zu Artikel »Sozial ist, was Arbeit schafft?«, UZ vom 10. August 2018





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