Befreiung von Idlib ist oberstes Ziel

Während Syrien weiter gegen Dschihadisten vorgeht, drohen die USA mit neuen Angriffen
Von Manfred Ziegler
|    Ausgabe vom 7. September 2018

Auf dem Pressefest

Samstag, 16:00 Uhr, UZ-Tribüne in der Kunst-und-Kultur-Halle
Manfred Ziegler diskutiert: „Syrien – der ewige Krieg“

Der UNO-Sondervermittler zu Syrien, Staffan de Mistura, vermutet in der Provinz Idlib etwa 10 000 Mitglieder der Terrororganisationen al-Nusra und al-Kaida. Wahrscheinlich sind es mehr. Denn mit den Erfolgen der syrischen Armee wurden zehntausende dschihadistische Kämpfer aus den Gebieten, in denen die Armee die Kontrolle übernahm, nach Idlib gebracht. Es waren Dschihadisten, die zu keiner Übereinkunft mit der Regierung bereit waren. Viele von ihnen hatten ihre Heimat schon zu Beginn des Krieges verlassen, um an den Hotspots Syriens zu kämpfen, ob sie nun aus Tunesien, Libyen, Europa oder aus anderen Gebieten Syriens kamen.
Schon in den ersten Tagen des Krieges erlangte eine Stadt in Idlib traurige Berühmtheit: Dschisr asch-Schughur. Hier kam es Anfang Juni 2011 zu einem Massaker durch Dschihadisten, dem 120 Mitglieder der Sicherheitskräfte und eine unbekannte Zahl von Zivilisten zum Opfer fielen.
Dschisr asch-Schughur wird eines der Ziele der kommenden Offensive der syrischen Armee sein. Es ist ein massives Truppenaufgebot, das die Dschihadisten aus Idlib vertreiben soll, wenn es keine Verhandlungslösung gibt – und es wird immer noch verstärkt. Zugleich gibt es Verhandlungen mit all den Gruppen in Idlib, die – zumindest angesichts der Vorbereitungen – zu einem Übereinkommen mit der Regierung bereit sind.
Die türkische Regierung versucht schon lange, ihren Einfluss in Idlib zu festigen. Dennoch scheint sie gegenüber Russland zu einer Einigung bereit und hat jetzt die Organisation Hay’at Tahrir Al-Sham, ein Hauptziel der kommenden Offensive, zu einer „terroristischen Organisation“ erklärt.
Anders die USA. Außenminister Pompeo teilte auf Twitter mit, eine Offensive gegen Idlib sei eine Eskalation. Schon zuvor hatte der Sicherheitsberater von Trump, John Bolton, erklärt, die USA würden „sehr stark“ antworten, wenn die syrische Armee chemische Waffen in Idlib einsetzen würde.
Es ist offensichtlich, dass dies eine Einladung an die Dschihadisten ist. Meldungen über einen angeblichen Chemiewaffeneinsatz durch die syrische Armee würden ausreichen, damit die USA und ihre Verbündeten einen erneuten großen Angriff auf die syrische Regierung starten würden. Die russische Regierung erklärte dazu, dass sie der UN und der Organisation für das Verbot chemischer Waffen klare Beweise vorgelegt habe, dass ein inszenierter Chemiewaffeneinsatz von Dschihadisten und Weißhelmen vorbereitet wird. Ein Sprecher des Pentagon bestritt russische Behauptungen über militärische Vorbereitungen der USA für einen Angriff. Das sei nichts weiter als Propaganda – und er fügte hinzu, die USA seien sowieso jederzeit zu einem Angriff auf Syrien bereit.
Der syrische Außenminister al-Moallem betonte in einem Interview, die Befreiung von Idlib sei von höchster Priorität für die syrische Regierung. Am besten durch eine Übereinkunft, aber wenn nötig auch durch eine militärische Aktion.
Nach Ansicht des UNO-Sondervermittlers für Syrien müssten die Terroristen zwar bekämpft und besiegt werden, aber nicht auf Kosten der 2,9 Millionen Zivilisten in der Provinz. Er verlangte humanitäre Korridore unter Aufsicht der UNO. Humanitäre Korridore haben die russische und die syrische Regierung schon lange eingerichtet. Dennoch wird die Zivilbevölkerung leiden. Sie wird vertrieben, Wohngebiete und Infrastruktur werden zerstört werden. Die Verantwortung dafür tragen die Staaten, die seit Beginn des Krieges die Dschihadisten verharmlost, ausgebildet, finanziert und bewaffnet haben. Und die jetzt womöglich einen erneuten Angriff auf Syrien vorbereiten.

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