Kultursplitter

Von Herbert Becker
|    Ausgabe vom 14. September 2018

Seehofers Heimat
Darauf haben die reaktionären Verbände der „Sudetendeutschen“ sehnsüchtig gewartet: Die bayerische Sozialministerin Kerstin Schreyer hat das erste Exponat des neuen Sudetendeutschen Museums in München der Öffentlichkeit präsentiert. Auf 1 200 Quadratmetern wird die Stiftung die Exponate ausstellen und das in fünf Etagen. „Es entsteht ein kulturhistorisches Museum“, so die Konzeption. Der Neu- und Erweiterungsbau wird rund 30 Millionen Euro kosten. Zwei Drittel der Kosten trägt der Freistaat, ein Drittel kommt vom Bund. Beim ersten Exponat handelt es sich um ein acht Meter langes Gesteinsrelief, das aufgrund der wuchtigen Größe bereits während der Bauphase eingebaut werden muss. Höher im Haus soll es um die Vertreibung der Sudetendeutschen aus ihrer Heimat gehen, mit der befürchteten Ankündigung, es werde „atmosphärischer und emotionaler“. Der Revanchismus wird also fröhliche Urstände feiern, und zusammen mit dem Haus des Deutschen Ostens und dem Sudetendeutschen Haus soll das neue Museum zum Zentrum für Kulturpflege deutscher Heimatvertriebener werden.

Ade Kino?
Die Preise beim diesjährigen Filmfest Venedig sind vergeben worden. Zum ersten Mal in der Geschichte des Festivals Venedig hat ein Film des Streaming-Anbieters Netflix den Goldenen Löwen gewonnen. Mit der Auszeichnung für den besten Film wurde „Roma“ des Mexikaners Alfonso Cuarón geehrt, ein bewusst in Schwarz-Weiß gedrehtes Drama ist ein vielschichtiges, wunderschön gefilmtes Werk über das Leben im Mexiko der 70er Jahre. Regisseur Cuarón fokussiert dabei auf zwei junge Frauen, die als Haushälterinnen bei einer wohlhabenden Familie leben und sich dabei auch um die Kinder kümmern. Der Preis für den Film ist zugleich der erste Goldene Löwe für Mexiko. So verdient die Auszeichnung aber auch ist: Sie wird den Streit um die Rolle von Netflix in der Kinowelt fortsetzen. Denn warum wird ein Film mit dem höchsten Preis eines Festivals ausgezeichnet, wenn er anschließend nur in wenigen Kinos und dafür vor allem beim Streamingdienst zu sehen sein wird? Beim Festival in Cannes im März 2018 sorgte die Auseinandersetzung dafür, dass Netflix letztendlich all seine eingereichten Beiträge wieder zurückzog, darunter auch Cuaróns jetzigen Löwen-Gewinner. Die Brüder Coen gewannen den Preis für das beste Drehbuch für „The Ballad of Buster Scruggs“, ebenfalls eine Netflix-Produktion.

Üble Provokation
Thilo Sarrazin hat sein nächstes Schandwerk für die Buchregale vorgelegt mit dem deutlichen Titel „Feindliche Übernahme“. Zitat aus dem Schrieb: „Und dann müssen wir natürlich darüber nachdenken, wie es künftig weitergeht mit der Einwanderung aus islamischen Ländern. Da bin ich der Meinung, dass wir diese grundsätzlich weitgehend unterbinden sollten.“ Diese Forderung ist der Kern seines Anliegens, dabei hat die Bundesrepublik eine völkerrechtliche Verpflichtung dazu, Flüchtlinge aufzunehmen, die in Not sind, die politisch verfolgt sind. Und aus dieser Verpflichtung kommt keine Regierung und kein Parlament nicht so einfach raus. Und diese Verpflichtung ist, was die Religion der Flüchtenden angeht, blind. Man kann nicht sagen, wir geben Verfolgten, die einer bestimmten Religion angehören, politisches Asyl, aber anderen nicht. Das Völkerrecht lässt so etwas nicht zu.Und dann gibt noch ein verfassungsrechtliches Problem, das darin besteht, dass grundsätzlich der Staat dazu verpflichtet ist, Religion nicht zu diskriminieren, so steht es im Grundgesetz. Also Leute wegen ihres religiösen Bekenntnisses nicht anders zu behandeln. Und das schließt es eigentlich von vornherein aus zu sagen, bestimmte staatliche Begünstigungen oder bestimmte staatliche Möglichkeiten werden etwa Muslimen vorenthalten und anderen nicht.


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