Abschied von den Interbrigaden

Die 13 Punkte Juan Negríns und der Abzug der internationalen Freiwilligen aus Spanien
Von Werner Abel
|    Ausgabe vom 5. Oktober 2018

Aus: „DESPEDIDA“. Sonderausgabe von ¡No pasarán! anlässlich des 80. Jahrestages des Abzugs der Internationalen Brigaden aus Spanien – Zeitschrift des Vereins „Kämpfer und Freunde der Spanischen Republik 1936–1939“ (KFSR).
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Am 6. April 1938 erhielt der Kommandant der Base der Internationalen Brigaden in Albacete, General José Gómez (Wilhelm Zaisser), vom Generalstab der Spanischen Volksarmee den telefonischen Befehl, die Base aufzulösen und die internationalen Freiwilligen sowie die Dokumente und Sachwerte innerhalb von 48 Stunden nach Barcelona zu evakuieren. Ein weiterer Befehl verlängerte die Frist auf 96 Stunden, bezog aber die spanischen Kameraden mit in die Evakuierung ein. Am 10. April war die Überführung nach Barcelona abgeschlossen, die Base befand sich nun, allerdings wesentlich verkleinert, am nordwestlichen Rand von Barcelona im Stadtteil Horta. Wilhelm Zaisser schrieb später, dass es schon im Februar Gerüchte gegeben habe, dass die Basis aufgelöst würde. Diese Gerüchte und die dann erfolgte Auflösung der Base führte zu erheblichen Verstimmungen unter den Interbrigadisten, die befürchteten, dass sie von den Fronten abgezogen würden. André Marty, Vorsitzender der Militärpolitischen Kommission der Internationalen Brigaden, dementierte in der Presse der Brigaden diese Vermutungen, auch die Einbeziehung aller Internationalen Brigaden (außer der 129. Brigade, die an der Zentralfront blieb) in die am 25. Juli 1938 beginnende Ebro-Offensive deutete darauf hin, dass die Internationalen auch weiterhin gebraucht würden. Allerdings waren zu diesem Zeitpunkt kaum noch Freiwillige nach Spanien gekommen, zudem wurde im Juli/August damit begonnen, Angehörige der Hilfsdienste, so z. B. des Sanitätspersonals, zu repatriieren.

Negríns Programm
Nach der Wiedereroberung von Teruel durch die franquistischen Truppen und die Niederlage der Republikaner im Aragón war es zu einer Regierungskrise gekommen, weil der Verteidigungsminister Indalecio Prieto, aber auch Manuel Azaña, der Präsident der Republik, nicht mehr so recht an den Sieg der Republikaner glaubten. Daraufhin wurde Prieto entlassen und sein Ressort von dem Ministerpräsidenten Juan Negrín übernommen. Negrín verkündete am 1. Mai 1938 ein 13-Punkte-Programm, dessen Punkt 1 unter anderem forderte: „Die Gewährleistung der absoluten Unabhängigkeit und Integrität von Spanien. Ein Spanien, frei von allen Einmischungen von außen, ungeachtet ihrer Natur und Herkunft …“ Der Punkt 2, der sich primär gegen die Intervention der faschistischen Mächte Italien und Deutschland richtete, präzisierte den Punkt 1 und schuf die juristische Basis für einen Vorstoß, den Negrin im September 1938 unternahm. Negrín ließ in seinen 13 Punkten keinen Zweifel aufkommen, dass das Spanien der Zukunft eine demokratische Republik sein müsse.
Eigentlich hätten die westlichen Demokratien diese Absicht mit Solidarität für das demokratische Spanien im Kampf gegen die Putschisten honorieren müssen, aber deren diplomatische Aktivitäten, vor allem die Großbritanniens, halfen eher Franco, der jede Verhandlung mit den Republikanern ablehnte und deren bedingungslose Kapitulation forderte.
Negrín war der Ansicht, dass vor allem das aggressive Auftreten Nazi-Deutschlands zu einem Krieg in Europa führe und dass besonders Frankreich daran interessiert sein müsse, seine südwestliche Flanke nicht durch einen potentiellen Verbündeten Deutschlands gefährdet zu wissen. In einem kommenden Krieg, so das Kalkül Negríns, müssten sich die westlichen Demokratien, schon aus eigenen Interessen mit der Spanischen Republik solidarisieren.
Es kam anders und die Appeasement-Politik der Westmächte, die Opferung und Zerschlagung der Tschechoslowakei und der „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich machten Negríns Vorschläge obsolet.
Am 21. September 1938 hatte Juan Negrín anlässlich einer Rede vor dem Völkerbund angeboten, die Internationalen Brigaden von den Fronten abzuziehen. Dieses Angebot basierte auf seinen 13 Punkten und er hatte gehofft, dass diese Aktivität positive Auswirkungen auf die internationale Position der Spanischen Republik habe. Weiterhin drückte er die Hoffnung aus, dass auch die franquistische Seite die ausländischen Truppen, die in oder mit ihrer Armee kämpften, zurückziehen würde. Diese Erwartung ging in keiner Weise in Erfüllung.

Der Abzug der Interbrigaden wird vorbereitet
Negríns Vorschlag kam zu einem Zeitpunkt, an dem erkennbar war, dass die Ziele der Ebro-Offensive nicht erreicht werden und die Interbrigadisten deshalb mehr denn je der Meinung waren, dass sie gebraucht werden würden.
Wie ihre Stimmung nunmehr war, artikulierte André Marty in einem Interview, das die Zeitung „Las Noticias“ (Barcelona) am 25. September 1938 veröffentlichte. Die Entscheidung für ihren Rückzug sei ein „furchtbarer Schock“ für die Interbrigadisten gewesen, die die Frage stellten: „Wie ist es möglich abzuziehen, ohne den Endsieg erreicht zu haben?“ Marty betonte, dass es eine politische Entscheidung in Übereinstimmung mit den 13 Punkten Negríns gewesen ist, die eine überzeugende Lektion für die demokratischen Mächte Europas war, aber auch für die „totalitären Länder, die eine Invasion planten, testeten und in der Praxis durchführten“. Marty sagte weiter, dass sich in der republikanischen Zone ca. 10 000 internationale Freiwillige aufhielten, dazu zählten die Verwundeten und diejenigen, die im Hinterland und bei den Hilfsdiensten tätig seien. „In den Augenblicken ihrer höchsten Anzahl waren es nie mehr als 15 000, ganz im Gegenteil zu den 150 000 (Ausländern) in der faschistischen Zone.“
Mit der Überwachung des Abzugs der Interbrigadisten war die Internationale Kontrollkommission des Völkerbundes für den Rückzug der Freiwilligen gebildet worden. Diese Kommission stellte am 16. Januar 1939 fest, dass sich in der katalanischen Zone 9 843 und im republikanischen Zentralspanien 2 830 Internationale aufhielten. Mit insgesamt 12 673 Personen, davon 7 102 Interbrigadisten, entsprach das in etwa der Feststellung André Martys. Nach der genannten Kommission waren bis zum 12. Januar 1939 in mehreren Konvois 4 650 Ausländer aus Spanien abgereist, das waren 2 141 Franzosen, 548 US-Amerikaner, 347 Belgier, 283 Polen, 194 Italiener, 143 Holländer, 182 Schweden, 115 Dänen, 107 Engländer, 80 Schweizer, 50 Norweger, 46 Deutsche, 27 Finnen, 24 Russen, 20 Tschechen, 13 Luxemburger, 8 Ungarn, 7 Jugoslawen, 4 Chilenen, 3 Griechen, 3 Algerier, 2 Irländer, 2 Bulgaren, 2 Rumänen, 1 Mexikaner, 1 Brasilianer, 1 Puertorikaner, 1 Österreicher, 1 Andorraner und 9 ohne Nationalität.
Die ersten Interbrigadisten hatten Spanien am 12. November 1938 verlassen. Mit Ausnahme der Schweiz, wo die Interbrigadisten Repressionen ausgesetzt waren, konnten die Freiwilligen aus demokratischen Ländern relativ unkompliziert zurückkehren, zumal es in diesen Ländern meist Hilfs- und Solidaritätsorganisationen gegeben hatte.
Aber fast die Hälfte der Interbrigadisten, die überlebt hatten, konnte nicht in ihre Länder zurückkehren, weil dort faschistische, der Spanischen Republik feindlich gesonnene Regime an der Macht oder diese Länder von der deutschen Wehrmacht okkupiert worden waren. Diese Unmöglichkeit der Rückkehr bezog sich auf Deutsche, Italiener, Österreicher, Tschechen, Polen, Ungarn usw. Diese Interbrigadisten blieben bis zum Fall von Katalonien in Spanien und waren dann gezwungen, die Grenze nach Frankreich zu überschreiten, wo sie unter entwürdigenden Bedingungen interniert wurden.

Abschied
Das republikanische Spanien aber hatte die internationalen Freiwilligen mit einem großen Festakt verabschiedet. Am Freitag, dem 28. Oktober 1938 begann gegen 17 Uhr im blumen- und fahnengeschmückten und mit Transparenten und Plakaten übersäten Barcelona eine Parade spanischer und internationaler Einheiten, die in der Avenida de 14 de April (nahe dem damaligen Palacio Presidencial) ihren Anfang nahm, über die Plaza Hermanos Badia zum Paseo de Gracia führte und auf der Plaza Cataluña endete. Mehrere Hunderttausend Einwohner Barcelonas bekundeten ihre Solidarität mit den abziehenden internationalen Freiwilligen, die ohne Waffen, aber mit erhobenen Fäusten und geordnet nach Nationalitäten, an der Abschiedsparade teilnahmen. Begleitet wurden sie von Einheiten der Spanischen Volksarmee, so z. B. Kompanien der Luftwaffe und der Marine, Marineinfanteristen, einer Maschinengewehr-Kompanie, einer Motorisierten Einheit und Lehrer und Schüler der Escuela Popular de Guerra.
Auf einer Ehrentribüne hatten Vertreter der Republik und der Internationalen Brigaden Platz genommen, die sich mit leidenschaftlichen Worten an die zu verabschiedenden Freiwilligen wendeten. Unter ihnen war Manuel Azaña, Präsident der Republik, Juan Negrín, Diego Martínez Barrio, Präsident der Cortes, Lluis Companys, Präsident der katalanischen Generalitat, Josep Tarrandellas, Conseller Primer (Ministerpräsident) der Generalitat, José Díaz, Generalsekretär der KP Spaniens, Dolores Ibárruri, Mitglied des Politbüros der KP Spaniens, Joan Comorera, Generalsekretär der Vereinigten Sozialistischen Partei Kataloniens (PSUC), André Marty, Luigo Longo (Gallo), Generalkommissar/Generalinspekteur der Internationalen Brigaden, Vicente Rojo Lluch, Chef des Generalstabs der Armee, und Juan Modesto und Enrique Lister, Kommandeure des V. Armeekorps.
Auf die vielen Worte des Dankes an die Interbrigadisten und der Anerkennung für ihre Entscheidung, dem spanischen Volk zur Hilfe zu kommen, antwortete zunächst André Marty, indem er u. a. sagte: „Wir Männer aus 53 Ländern kehren zurück wie wir kamen: Vereint ohne Unterschied des Landes und mit keinem anderen Vorgesetzten als der Regierung der Republik und dem Generalstab der Armee.“ Und Luigi Longo reagierte, gerührt durch den Dank und die Herzlichkeit der Bevölkerung, mit folgenden Worten: „Ihre Dankbarkeit ist größer als das, was die Internationalisten für Spanien hatten tun können, aber das war auch ein Einsatz zugunsten des Kampfes aller Völker für ihre eigene Existenz. Die internationalen Kämpfer erinnern sich unauslöschlich an Spanien und werden ihren Völkern diesen Ausdruck der Solidarität unter den Demokraten aller Nationalitäten übermitteln, der notwendig ist als unüberwindliche Barriere, auf die der Faschismus stößt, der die Unabhängigkeit Spaniens und aller Völker gefährdet.
Die Frauen und die Kinder der ausländischen Freiwilligen werden stolz sein, Familienmitglieder derer zu sein, die in Spanien für die Freiheit der Welt gekämpft haben.“

 

Nachdem am 21. September vor 80 Jahren Juan Negrín dem Abzug der Internationalen Brigaden zustimmte, wurden sie zwei Tage später von der Front zurückgezogen. Am 28. September 1938 nahmen 300 000 Personen unter ihnen Dolores Ibárruri, Lluis Companys, Manuel Azaña, Juan Negrín und Vicente Rojo in Barcelona auf der Avenida de 14 de april an der Verabschiedung der Internationalen Brigaden teil.  (Aus dem Editorial der Sonderausgabe von ¡No pasarán!, von Hans-Jürgen Schwebke)

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