Weimarer Theater

Karl Martin über die Feier zu 100 Jahre Nationalversammlung
|    Ausgabe vom 15. Februar 2019

In der Tat, ein Schauspiel, der konservativen Politikprominenz dabei zuzusehen, wie sie sich vom linken Ministerpräsidenten Bodo Ramelow zur Feier der 100-jährigen Einberufung der Weimarer Nationalversammlung am 6. Februar in der Thüringer Kulturstadt begrüßen lassen musste und dies mit verhaltenem Nicken erwiderte. Kanzlerin Angela Merkel oder Bundestagspräsidenten Wolfgang Schäuble schien‘s wohl, als riefe sie Mephisto selbst zum Bankett:
„100 Jahre nach der Gründung der ersten deutschen Republik sind wir aufgefordert, Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit unter den Bedingungen der Globalisierung neu zu denken. Denn das Versprechen des Wohlstands für alle, das uns die soziale Marktwirtschaft macht, ist noch nicht eingelöst. Einkommen und Vermögen sind immer noch ungleich verteilt, genauso wie die Zugriffsrechte auf natürliche und auf Wissensressourcen. […] Die Aufgabe der Politik ist es daher, die Weichen für die Zukunft so zu stellen, dass die Lebenschancen aller gerecht verteilt sind und dass das Glück der einen nicht auf dem Unglück der anderen aufbaut.“
In der Maske des Kritikers aber steckt auch nur ein Darsteller. Seinen Kniefall hatte der bereits vollzogen, als er bei seinem Dienstantritt die DDR als Unrechtsstaat bezeichnete. Auf Sozialismus zielte er also genauso wenig wie die Autoren der Weimarer Verfassung. Es ging und geht darum, kapitalistische Interessen in einem demokratischen Gewand zu wahren.
Wie das heute zu verstehen ist, legte Staatsoberhaupt Frank-Walter Steinmeier dar: „Ist es nicht historisch absurd, wenn diese schwarz-rot-goldene Fahne heute am Auffälligsten ausgerechnet von denen geschwungen wird, die einen neuen nationalistischen Hass entfachen wollen? (…) Schwarz-Rot-Gold ist das stolze Band, das sich von Hambach über die Frankfurter Paulskirche bis nach Weimar zieht; das zerriss über dem Abgrund des Nationalsozialismus, doch neu geknüpft wurde vor 70 Jahren; das herüberwehte nach Bonn und nach Berlin; das vor 30 Jahren auf den Straßen und Plätzen Ostdeutschlands leuchtete und heute in unserem ganzen wiedervereinten Land.“
Der Gescholtene im Saal, der AfD-Fraktionsvorsitzende des Landes, Bernd Höcke, schüttelte auch dienstbeflissen den Kopf über den Hymnus des Bundespräsidenten. Dass Steinmeiers „demokratischer Patriotismus“ dagegen auch als Zugeständnis an einen Geist gesehen werden kann, an dem heute anscheinend auch ein Sozialdemokrat nicht mehr ohne Gruß vorbeigehen darf, verdeutlicht nur, wie hier jeder seine Rolle spielte auf der Bühne des Weimarer Theaters.


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