Weder Slawe noch Gewohnheitsverbrecher

Nachfolgeparteien feierten 100 Jahre Kommunistische Partei Jugoslawiens
Von Günter Pohl
|    Ausgabe vom 26. April 2019

Am 6. April 1941 überfiel die deutsche Wehrmacht gemeinsam mit Truppen aus Italien und Ungarn das Königreich Jugoslawien. Es folgte ein brutales Besatzungsregime mit unzähligen Massakern an der Zivilbevölkerung; der Nazi-Ideologie vom slawischen Untermenschen entsprechend wurden für die Tötung eines einzigen deutschen Wehrmachtssoldaten 100 Zivilisten erschossen.
Unmittelbar folgte ein heroischer Befreiungskampf der Volksbefreiungsarmee der Partisanen unter der Führung von Josip Broz, der unter dem Kampfnamen Tito berühmt wurde. Die Kommunistische Partei Jugoslawiens (KPJ), zwei Jahre nach ihrer Gründung 1921 verboten, war die stärkste Kraft innerhalb der Partisanen und erwarb sich großes Ansehen im Widerstand.
36,5 Prozent der Industrie waren 1945 zerstört, 3,5 Millionen Menschen wurden obdachlos. Der Sieg der Volksbefreiungsarmee stürzte die Monarchie und führte mit der Föderativen Volksrepublik Jugoslawien eine sozialistische Gesellschaftsordnung mit einer umfassenden Landreform und Verstaatlichungen ein.
Die Anerkennung von Slowenien und Kroatien durch das durch den Anschluss der DDR soeben „wiedervereinigte“ Deutschland war die Bedingung für die Zerstörung des Vielvölkerstaats von Serben, Bosniern, Kroaten, Montenegrinern, Mazedoniern und Slowenen sowie Minderheiten wie der Albaner im Kosovo. Vor zwanzig Jahren hatten NATO-Flugzeuge, auch aus Deutschland, 420 000 Bomben, teils mit abgereichertem Uran, auf Ziele in Belgrad und anderer Städte der Bundesrepublik Jugoslawien abgeworfen; 2 500 Menschen wurden getötet. Innerhalb eines Jahrhunderts waren für Deutschland südslawische Völker zum dritten Mal der Gegner. Eine rassistische Begleitmusik war weder opportun noch erforderlich, agierten Fischer und Scharping ja zur Verhinderung eines „zweiten Auschwitz“ – ein Label, das man sich keinesfalls nehmen lassen durfte.
Am 19. April begingen die Nachfolgeparteien der KP Jugoslawiens die Gründung der „Sozialistischen Arbeiterpartei Jugoslawiens (der Kommunisten)“, ab 1920 KP Jugoslawiens, am historischen Gründungsort, dem „Hotel Slavija“ im Herzen der Hauptstadt Serbiens. Der Weg zum Konferenzort in Belgrad führt an der Kommandantur der jugoslawischen Armee vorbei, die damals schwer zerstört worden war. Ein Genosse der „Kommunisten Serbiens“ erzählt, dass er zur Verteidigung des Belgrader Flughafens eingesetzt war; in seiner Einheit habe es nur Verletzte gegeben, aber viele andere Soldaten überlebten den NATO-Einsatz nicht.
Ein Koordinierungskomitee aus den Kommunisten Serbiens (KS), der Jugoslawischen KP Montenegros (JKP Crne Gore), der Sozialistischen Arbeiterpartei Kroatiens (SRP), der Liga der Kommunisten von Bosnien-Herzegowina (SK BIH), der KP Mazedoniens (KPM) und der „Kulturpolitischen Vereinigung Kommunist“ (KPD) aus Slowenien hatte Kommunistische Parteien aus Europa eingeladen. Neben dem der DKP wurden Grußworte der KP Bulgariens, KP Griechenlands, der Sozialistischen Partei Rumäniens und der KP der Russischen Föderation vorgetragen; zudem war aus Italien „Jugo-Koord“, ein Jugoslawien-Solidaritätskomitee, anwesend.
Die einladenden Parteien zeigten in ihren Vorträgen ein grundsätzlich positives Verhältnis zur Politik Titos und seiner Politik im Vielvölkerstaat. Der Bruch mit der Sowjetunion ab 1948, der das Land in der Folge zu einem Spielball der Interessen der NATO und vor allem des US-Imperialismus für eine Spaltung innerhalb der sozialistischen Staaten machte, nahm dennoch eine wesentliche Rolle bei der Konferenz ein. Ideologisch hatte die Abwendung der KPJ von der Politik der UdSSR ab 1949 die Einführung einer Arbeiterselbstverwaltung in den Betrieben zur Folge. Die Partei wurde 1952 in „Bund der Kommunisten Jugoslawiens“ umbenannt, die Republik hieß mit der neuen Verfassung ab 1963 „Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien“. Enorme Anstrengungen, aber auch die Wirtschaftshilfe der USA, verhalfen dem Land zu einem beträchtlichen Wachstum und sozialen Errungenschaften. Nach dem Tod Titos und Edvard Kardeljs, der beiden Hauptprotagonisten der Arbeiterselbstverwaltung, brachte die Rezession der 1980er Jahre dann günstige Bedingungen für nationalistische Separationsmomente – mit den bekannten Folgen.
Eine heutige Debatte über die Arbeiterselbstverwaltung darf indes nicht bei ökonomischen Betrachtungen stehenbleiben: Gleichermaßen undialektisch wären eine grundsätzliche Ablehnung der Selbstverwaltung aus rein ideologischer Sicht wie deren individualistische Durchführung auf Kosten des Zusammenhalts der doch eben erst entstehenden sozialistischen Staaten Osteuropas; gewissermaßen als ein jugoslawischer Mikrokosmos. Die historischen Erfahrungen müssen mitgenommen werden – die ökonomischen, aber auch die politischen.
Zurück in Deutschland fragt der Grenzschutzbeamte, kaum 30 Jahre alt: „Woher kommen Sie?“ „Aus Belgrad.“ „Was haben Sie dort gemacht?“ Auf die Frage, wieso man denn einen Reisegrund nennen müsse, erklärt er: „Ihr Genotyp passt nicht zu Reisen nach Belgrad.“
Mit anderen Worten: Die Physiognomie hat slawische Züge aufzuweisen oder der Reisende passt wenigstens in die Rubrik „Gewohnheitsverbrecher“. Auf dem Lehrplan des Bundesgrenzschutzes scheint Rassenkunde zu stehen. 1999 als Wendepunkt: In Europa wird Deutsch gesprochen – Anleihen aus der Vergangenheit sind offenbar prägend.


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Leserbrief zu Artikel »Weder Slawe noch Gewohnheitsverbrecher«, UZ vom 26. April 2019





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