Paris steht auf

Von M. I.
|    Ausgabe vom 16. August 2019
Eine der Gedenkplaketten, die in Paris an die Befreier erinnern.
Eine der Gedenkplaketten, die in Paris an die Befreier erinnern.

Spuren der Befreiung von Paris im August 1944 sind noch heute sichtbar. Nicht als Riesenmonumente, eher unscheinbar, nur sichtbar dem Passanten, der den Blick hebt. Wie zum Beispiel an der Ecke Boulevard Saint-Germain und Rue de Buci. „Hier wurde Fred Palacio, Corps Franc. Victoire, am 19. August 1944 für die Befreiungvon Paris getötet“,  steht da auf einer kleinen Tafel, und dass der Getötete 21 Jahre alt war. Auf der Rue Dauphine wird ähnlich eines René Revel gedacht, Wachtmeister im 15. Arrondissement, „Getötet von den Deutschen am 19. August 1944“, erzählt die Gedenktafel.
Dutzende solcher Erinnerungsorte gibt es in Paris. Sie stehen auch für die, deren Namen nicht mehr genannt werden, die umgekommen sind, als Paris aufstand, um die Nazi-Besatzer zu vertreiben. Als Uniform hatten sie oft nicht mehr als die Mütze mit dem Emblem der FFI, der „Französischen Streitkräfte des Innern“, zu denen sich im Februar 1944 die kommunistischen Francs-tireurs et partisans, die gaullistische Armée secrète und die aus ehemaligen Armeeangehörigen ORA vereinigt hatten.
Der Aufstand hatte sich angekündigt. In Paris herrschte Hunger. Schon am 14. Juli hatten im Arbeiterviertel Belleville 20 000 Menschen unter dem Schutz bewaffneter Résistance-Kämpfer demonstriert. Vom 10. August an wurde die U-Bahn bestreikt,die Gendarmerie und die Polizei schlossen sich an, am 16. August auch die Postangestellten. Die Reaktion der deutschen Besatzer: In der Nacht vom 16. auf den 17. August wurden im Park Bois de Boulogne 35 junge Widerstandskämpfer erschossen. Am 17. gelang es 500 im berüchtigten Gefängnis „La Santé“ Eingekerkerten zu fliehen und sich dem Widerstand anzuschließen, unter ihnen viele Kommunisten. Als weitere Arbeiter in den Streik traten, wurde am 18. August der Generalstreik ausgerufen.
Paris war für die alliierten Truppen unter dem Oberbefehl des späteren US-Präsidenten Dwight D. Eisenhower – seit der Invasion in der Normandie im schnellen Vormarsch – kein vorrangiges Ziel. Sie planten, die Hauptstadt zu umgehen und erst das Umland einzunehmen. Der politische Hintergrund: Das Gewicht General de Gaulles, des Chefs der „Freien Französischen Streitkräfte“, sollte gegenüber den amerikanischen und britischen Alliierten klein gehalten werden. Das widersprach nicht nur den Plänen de Gaulles, sondern auch der Einschätzung der vereinigten Résistance-Gruppen in Paris unter dem Kommando von Henri Tanguy. Der Metallarbeiter, Kommunist und Interbrigadist, der sich in Erinnerung an einen in Spanien gefallenen Genossen Colonel Rol nannte, hielt den Zeitpunkt für den offenen Widerstand für gekommen.
Am Nachmittag des 18. August klebten die Aufrufe zum bewaffneten Aufstand mit Rol-Tanguys Unterschrift an den Pariser Fassaden. In der Vorstadt Vitry standen am 18. August die ersten Barrikaden, dort zogen sich die Deutschen zurück. Aber trotz des Zorns der Aufständischen sollte Paris nicht wie eine reife Frucht fallen. Die Nazis zeigten auch hier, wozu sie fähig waren – ebenso wie in Tulle, wo die Waffen-SS am 9. Juni 99 Menschen niedergemetzelt hatte, und am 10. Juni in Oradour, wo eine Kompanie der SS-Division „Das Reich“ fast die gesamte Einwohnerschaft, 642 Menschen, ausgelöscht hatte. Hitler gab dem Wehrmachtsbefehlshaber von Paris, General von Choltitz, den Befehl, bis zum letzten Mann zu kämpfen. Dieser verfügte über 20 000 Mann, denen er befahl, gnadenlos zu kämpfen, 80 Panzer und 60 Geschütze. Dagegen kämpften die zu Beginn etwa 30 000 Aufständischen anfangs nur mit vier Maschinengewehren, 562 Gewehren, 825 Revolver, Brandflaschen und selbst hergestellte Bomben. Doch der Aufstand der Widerstandskämpfer wuchs schnell zum Volksaufstand. 600 Barrikaden wurden in Paris errichtet, die Nazi-Truppen waren zersplittert, hatten kaum noch Verbindung untereinander und stießen überall auf Widerstand. Von Choltitz war nicht mehr in der Lage, dem „Führerbefehl“ – „Paris darf nicht oder nur als Trümmerfeld in die Hand des Feindes fallen“ – Folge zu leisten. Am Nachmittag des 25. August kapitulierte von Choltitz erst gegenüber Henri Rol-Tanguy und wenig später gegenüber dem französischen Generalmajor Leclerc, der am Vortag dem alliierten Oberkommando endlich den Befehl abgerungen hatte, mit seiner Panzerdivision auf Paris vorstoßen zu dürfen. Auf dem Arc de Triomphe und dem Eiffelturm flatterte die Trikolore.
Paris zahlte einen hohen Preis für seine Befreiung. Fred Palacio, René Revel, Virginie Quantin, José Baron, Gabrielle Pfeiffer, Raymond Bonnenfant … um eintausendfünfhundert Namen könnte die Liste verlängert werden, Namen von Menschen, die im Kampf gegen die Nazi-Besatzer ihr Leben verloren oder von verirrten Geschossen getroffen wurden. Namen von Arbeitern und Arbeiterinnen, Angestellten, Polizisten, Studentinnen und Studenten, Hausfrauen, die französische Geschichte geschrieben haben.


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Leserbrief zu Artikel »Paris steht auf«, UZ vom 16. August 2019





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