Digital und prekär

Computer ersetzen Beschäftigte – die Transformation bedroht Gewerkschaften
Von Ulf Immelt
|    Ausgabe vom 8. November 2019

Fast alle Branchen sind davon betroffen, dass die Arbeit Beschäftigter durch Computer oder computergestützte Maschinen ersetzt wird, also substituiert. Diese digitale Transformation führt vor allem bei Banken und Versicherungen und im Bergbau zu besonders hohen Substitutionsraten, aber auch im produzierenden Gewerbe, dem Maschinenbau, der Automobil- und deren Zulieferindustrie.
Die Zusammensetzung der Arbeiterklasse verändert sich ebenso wie ihre Kampfbedingungen – wie die ganze Art und Weise der kapitalistischen Akkumulation. Während traditionell dominierende Industrien wie zum Beispiel die Montanindustrie immer mehr an ökonomischer Bedeutung verlieren, wird der Handel mit Daten immer mehr zum Schmiermittel kapitalistischer Akkumulation. Dies wird einerseits anhand der dominierenden Rolle von Internet-Konzernen wie Google oder Facebook deutlich. Andererseits veranschaulichen die digitalen Umstrukturierungsmaßnahmen bei Konzernen wie Bosch oder Siemens diesen Prozess. Verbundenen mit dem geplanten Übergang vom Verbrennungsmotor zur E-Mobilität bedrohen diese Entwicklungen zwar nicht die Existenz, aber doch die Kampfkraft der stärksten Bataillone der Gewerkschaftsbewegung.
Aber nicht nur die traditionell gut organisierten und arbeitskampferprobten Kernbelegschaften in der Metall- und Elektroindustrie sind von diesen Veränderungsprozessen betroffen. Längst stehen Fragen der Mitbestimmung, des Arbeitsschutzes und der Arbeitszeit für zahlreiche Beschäftigtengruppen in unterschiedlichsten Branchen auf dem Spiel. So werden Mitbestimmungsrechte zum stumpfen Schwert, wenn durch immer neue Formen von Outsourcing und Scheinselbstständigkeit der Betriebsbegriff oder der „Arbeitnehmer“-begriff nur noch eingeschränkt gelten. Crowdworking und Mikrojobs sind hier nur die Spitze des Eisberges. In Zeiten von Homeoffice und mobilem Arbeiten wird auch die Überwachung von Arbeitsschutz- und Arbeitszeitregelungen für Betriebsräte, soweit diese in den hippen Startup-Unternehmen überhaupt vorhanden sind, immer schwerer. Der Trend, Arbeitszeiten immer weiter zu flexibilisieren, hat längst alle Branchen erfasst. Die Konsequenz für die Beschäftigten ist ständige Erreichbarkeit und eine immer geringere Trennschärfe von Arbeitszeit und Freizeit.
Der Arbeiterbewegung bleibt nur, Gegenmacht zu organisieren – weder moderne Maschinenstürmerei noch Appelle an das soziale Gewissen des Kapitals werden die Digitalisierung im Interesse der Beschäftigen gestalten können. Es muss gelingen, einerseits die Belegschaften in den noch hochorganisierten Bereichen zu schützen und gleichzeitig in den neu entstehenden Industrien Fuß zu fassen und dort Solidarität zu organisieren. Ob technischer Fortschritt höheren Profiten oder den Interessen der Mehrheit dient, hing schon immer von den Kräfte- und letztlich den Eigentumsverhältnissen ab.


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Leserbrief zu Artikel »Digital und prekär«, UZ vom 8. November 2019





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