Der erste Kriegstag

„Ich saß im engen Kreis einer mir nahestehenden Familie und trank Tee, wir hatten ein schönes, friedliches Frühstück, mit Unterhaltungen und ein wenig Hektik: Heute sollte die Gastgeberin zu ihrer Datscha fahren – ein Ereignis … Wir saßen herum und diskutierten … Ein gewöhnliches Telefonläuten klingelte irgendwie ganz besonders – ich wurde um zwölf in die Redaktion bestellt. Das stimmte mich nachdenklich. Nach fünf Minuten wurde auch der Gastgeber zur Fabrik gerufen. Wir begriffen, dass etwas Furchtbares geschehen sein musste. Niemand wagte es auszusprechen …

Um 11 Uhr 45 verkündete ein Radiosprecher die Ansprache von Genossen Molotow – Die Beunruhigung stieg. Die Bevölkerung des Landes versammelte sich an den Lautsprechern.“

Tagebucheintrag von Jewgeni Chaldej, zitiert nach J. Chaldej, „Kriegstagebuch“, Verlag das Neue Berlin, 2011

Der sowjetische Kriegsberichterstatter und Schriftsteller Konstantin Simonow (28. 11. 1915 bis 28. 8. 1997) hat den gesamten Verlauf des Großen Vaterländischen Krieges in seiner Roman­trilogie „Die Lebenden und die Toten“ beschrieben. Der Roman beginnt mit folgender Szene am Tag des Überfalls:

Der erste Kriegstag traf die Familie Sinzow genauso unerwartet wie Millionen andere Familien. Wohl hatten alle gespürt, dass ein Krieg in der Luft lag, doch als er wirklich ausbrach, traf er sie wie ein Blitz aus heiterem Himmel; offenbar ist es einem Menschen nicht möglich, sich auf ein so großes Unglück vorzubereiten. Sinzow und Mascha erfuhren vom Ausbruch des Krieges auf dem sonnendurchglühten Bahnhofsplatz in Simferopol. Sie waren gerade dem Zug entstiegen und erwarteten nun an einem alten offenen „Lincoln“ weitere Reisegefährten, um gemeinsam mit ihnen ins Militärsanatorium nach Gursuf, dem Ziel ihrer Reise, zu fahren.

Als sie sich beim Fahrer erkundigen wollten, ob es auf dem Markt Obst und Tomaten gäbe, übertönte die heisere Stimme des Lautsprechers, die über den ganzen Platz schallte, ihre Worte. Sie verkündete den Ausbruch des Krieges und auf einmalzerfiel das Leben in zwei Teile, zwischen denen es keine Verbindung gab: in den, der noch vor einer Minute, vor dem Krieg, ihr Leben bedeutete, und in jenen, der die Gegenwart bildete.

Sinzow und Mascha schleppten die Koffer zur nächsten Bank. Mascha setzte sich hin, ließ den Kopf müde in die Hände sinken und saß regungslos da, als sei jedes Gefühl in ihr erstorben. Sinzow ging indessen zum Bahnhofskommandanten, um sich die Fahrausweise für die Rückfahrt von Simferopol nach Grodno ausstellen zu lassen, wo er schon seit anderthalb Jahren als Redaktionssekretär einer Armeezeitung tätig war.

Zu dem Unglück, das der Krieg gemeinhin bedeutete, gesellte sich in ihrer Familie noch ein besonderes Unglück: Er und seine Frau waren jetzt tausend Werst vom Kriegsschauplatz entfernt hier in Simferopol, ihre einjährige Tochter aber hatten sie dort gelassen, in Grodno, wo jetzt der Krieg tobte. Die Kleine war dort, sie waren hier, und keine Kraft der Welt war imstande, sie früher als in vier Tagen zu ihr zu bringen.

Als Sinzow beim Kommandanten eintraf, waren in dessen Zimmer schon fünf oder sechs Armeeangehörige anwesend. Er stellte sich in die Reihe und versuchte sich auszumalen, was zur gleichen Zeit in Grodno geschah. Es ist zu nahe an der Grenze, überlegte er, zu nahe, und die Luftwaffe, das Schlimmste ist die Luftwaffe … Sicherlich wird man die Kinder aus solchen Orten sofort evakuieren … Er klammerte sich an diesen Gedanken, ihm schien, er könne damit Mascha beruhigen.

Als er zu Mascha zurückkam, um ihr zu sagen, dass alles in Ordnung sei – um Mitternacht würden sie die Rückreise antreten –, hob sie den Kopf und schaute ihn an wie einen Fremden.


Der Heilige Krieg

Steh auf, steh auf, du Riesenland!
Heraus zur großen Schlacht!
Den Nazihorden Widerstand!
Tod der Faschistenmacht!

Es breche über sie der Zorn
Wie finstre Flut herein.
Das soll der Krieg des Volkes,
Der Sieg der Menschheit sein.

Den Würgern bieten wir die Stirn,
Den Mördern der Ideen.
Die Peiniger und Plünderer,
Sie müssen untergehn.

Es breche über sie der Zorn

Die schwarze Schwinge schatte nicht
Uns überm Heimatland.
Und nicht zertrete mehr der Feind
Uns Feld und Flur und Strand.

Es breche über sie der Zorn

Wir sorgen dafür, dass der Brut
Die letzte Stunde schlägt.
Den Henkern ein- für allemal
Das Handwerk wird gelegt!

Es breche über sie der Zorn

Das Lied „Der heilige Krieg“ wurde in den Tagen nach dem Überfall auf die UdSSR geschrieben und komponiert.

Seit Herbst 1941 wurde es täglich über den ganzen Verlauf des Krieges im sowjetischen Rundfunk gesendet und vermittelte Siegeszuversicht, aber auch die Schwere des Kampfes. Die Übertragung ins Deutsche besorgte Stefan Hermlin.


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"Der erste Kriegstag", UZ vom 18. Juni 2021



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