Metall- und Elektroindustrie: Beschäftigte wollen ­Lohnerhöhung.

Deutlicher Nachholbedarf

UZ: Derzeit laufen die Diskussionen darum, mit welchen Forderungen die IG Metall in die Tarifrunde der Metall- und Elektroindustrie gehen will. Wie ist die Stimmung unter den Kolleginnen und Kollegen angesichts der derzeitigen Preissteigerungen?

Achim Bigus: Bei Volkswagen in Osnabrück haben die Vertrauensleute im April und Mai sowohl in ihren Sitzungen auf Abteilungsebene als auch in einer Vollversammlung über die Forderung diskutiert. Die eindeutige Botschaft aus allen Bereichen lautet: Für die Kolleginnen und Kollegen geht es vor allem um eine deutliche Erhöhung der tariflichen Entgelttabelle. Aus den anderen Betrieben in unserem Tarifgebiet werden ähnliche Stimmungen gemeldet, ebenso aus den anderen Volkswagen-Standorten.

230302 Bigus - Deutlicher Nachholbedarf - Achim Bigus, Tarifrunde IG Metall - Wirtschaft & Soziales
Achim Bigus

Das ist wenig überraschend, nicht nur angesichts der aktuellen Teuerung. Die IG Metall hatte 2018 mit der Wahloption für Arbeitszeitverkürzungen unter 35 Stunden für bestimmte Belegschaftsgruppen andere Schwerpunkte gesetzt. Im Ergebnis kamen dabei jährliche Einmalzahlungen heraus, welche unter bestimmten Voraussetzungen in freie Tage umgewandelt werden konnten („T-Zug“), und das in einem Tarifvertrag mit zwei Jahren Laufzeit.

Die Tarifbewegung 2020 stand dann ganz im Zeichen der Corona-Pandemie, des Lockdowns und der Kurzarbeit – unter diesen Bedingungen wurde die Tarifrunde zum „kollektiven Betteln“, das Ergebnis war entsprechend. Und 2021 gab es mit dem „Transformationsgeld“ noch eine weitere Einmalzahlung mit einer Wahloption zur Arbeitszeitverkürzung. Die letzte Erhöhung der Tabellenentgelte hat also 2018 stattgefunden, insofern gibt es hier auch einen deutlichen Nachholbedarf.

UZ: Die Kapitalseite argumentiert wieder einmal, es gäbe nichts zu verteilen, und verweist auf Unsicherheit, gestörte Lieferketten und steigende Preise. Wie schätzt du die Lage der Unternehmen der Branche ein? Welche Auswirkungen hat das auf die Forderungen der IG Metall?

Achim Bigus: Wann gab es schon aus Sicht der Kapitalseite „etwas zu verteilen“? Die Lage der Betriebe ist sehr durchwachsen – das ist nichts Neues, sondern war in vergangenen Tarifrunden ähnlich. Neu ist allerdings, dass Probleme weniger aus Auftragsmangel resultieren als aus gestörten Lieferketten. Das kann sich aber auch noch ändern, wenn die steigende Inflation immer mehr auf die Massenkaufkraft drückt. Die Lage ist insofern schwer vorauszusagen.

Klar ist in jedem Falle: die Arbeitenden tragen keinerlei Verantwortung für die Probleme der Unternehmen! Es ist also völlig legitim, wenn sie sich dagegen wehren, dass die Unternehmen ihre Probleme auf die Schultern ihrer Beschäftigten abwälzen wollen.

UZ: „Wirtschaftsexperten“ warnen davor, dass Lohnsteigerungen weitere Preissteigerungen nach sich ziehen könnten.

Achim Bigus: Es ist nicht überraschend, dass die alte Legende von der „Lohn-Preis-Spirale“ jetzt wieder aus der Mottenkiste geholt wird. Ausgeblendet werden dabei die Profite der Unternehmen. Und während die Unternehmen zum Beispiel steigende Kosten für Energie auf die Verbraucher abwälzen, können die Arbeitenden sich nur auf dem Wege des Lohnkampfes gegen die Entwertung ihrer Realeinkommen wehren.

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Über den Autor

Lars Mörking (Jahrgang 1977) ist Politikwissenschaftler. Er arbeitete nach seinem Studium in Peking und war dort Mitarbeiter der Zeitschrift „China heute“.

Mörking arbeitet seit 2011 bei der UZ, zunächst als Redakteur für „Wirtschaft & Soziales“, anschließend als Verantwortlicher für „Internationale Politik“ und zuletzt – bis Anfang 2020 – als Chefredakteur.

 

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"Deutlicher Nachholbedarf", UZ vom 10. Juni 2022



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