VW will seine IT-Sparte ausbauen – ohne die 35-Stunden-Woche

Die „Powerpointschubser“ organisieren sich

Der VW-Konzern hat die Entwicklungsabteilungen seiner Autofirmen zusammengelegt und daraus Cariad SE gegründet. Mit der IG Metall hat das neue Unternehmen einen Haustarifvertrag ausgehandelt, bei dem die 35-Stunden-Woche praktisch Geschichte sein soll. Neun IG-Metaller stellen den neuen Betriebsrat im Südosten Deutschlands und wollen sich das nicht gefallen lassen. Sie organisieren eine Belegschaft, die bisher keinen Sinn in Gewerkschaften sah. UZ sprach mit dem Cariad-Betriebsrat Stefan Mitschke, der in Bayern für die DKP zum Bundestag kandidiert.

UZ: Die VW-Managerin Nari Kahle sagte, der Haustarifvertrag von Cariad sei etwas Besonderes. Inwiefern ist er etwas Besonderes?

Stefan Mitschke: Der Cariad-Haustarifvertrag ist etwas Besonderes, denn in der Software-Branche sind Tarifverträge in Deutschland noch relativ unüblich. So gesehen ist ein Tarifvertrag der IG Metall im IT-Software-Development-Bereich was Neues. Aber zum Beispiel bei Audi, wo ich herkomme, gilt der Flächentarif Bayern. Die Kernmarke Volkswagen jedoch hat immer schon einen Haustarifvertrag. Die Frage ist, ob ein Haustarifvertrag Vorteile für die Belegschaft hat. Das haben wir im Rahmen der Tarifkommission, in der ich Mitglied war, intensiv diskutiert.

UZ: Was kam bei euren Diskussionen heraus?

Stefan Mitschke: Der Haustarifvertrag von Cariad hat Stärken und Schwächen. Die größte Schwäche betrifft das Thema 35-Stunden-Woche. Aus meiner Sicht wurde sie effektiv aufgelöst. Wir haben eine Arbeitszeit zwischen 28 und 40 Stunden, die der Arbeitnehmer individuell wählen kann. Für den gesamten Betrieb gilt eine durchschnittliche Arbeitszeit von 37,5 Stunden. Was letztlich heißt, wir haben eine 40-Stunden-Vertragsquote von mindestens 50 Prozent. Effektiv heißt das aus meiner Sicht, wir haben keine 35-Stunden-Woche mehr, sondern eine 37,5-Stunden-Woche. Das ist ein herber Verlust für die IG Metall und auch für die Belegschaft. Ich finde eine solche flexible Teilzeitregel gut, aber das wäre bei 35 oder 20 Stunden möglich. Ziel muss es sein, dass die Kollegen nicht mehr schuften, um ihr Entgelt zu erhöhen, sondern sich gemeinsam für bessere Löhne einsetzen.

Der hohe Organisationsgrad bei Audi-Ingolstadt zum Beispiel war in allererster Linie der Produktion zu verdanken. Deswegen haben wir diskutiert, ob ein solcher Haustarifvertrag nicht den Vorteil hat, dass die Belegschaft leichter versteht, dass dieser Tarifvertrag in ihren Händen liegt. Nach sechs Monaten Tarifvertrag kann ich sagen, dass diese Überlegungen funktionieren. Über den Tarifvertrag kommen wir vom Betriebsrat mit den Kollegen ins Gespräch und zu sagen: Hier, das ist dein Tarifvertrag. Wir können den verbessern. Wir können den ausbauen. Dafür musst du aber aktiv werden, am besten in der Gewerkschaft.

UZ: Einige Entwickler kommen nicht von den großen Autobauern, sondern von Zulieferern, und haben bisher 40 Stunden und mehr für einen Nicht-Tariflohn gearbeitet. Wie wirkt sich das aus?

Stefan Mitschke: Das sind zum Beispiel in Südost rund 500 Kollegen der TKI, die von Cariad komplett geschluckt wurden. Die hatten vorher 40 Stunden, keinen Tarifvertrag und auch keinen Betriebsrat. Natürlich sind das jetzt die, die real eine Arbeitszeitverkürzung und eine Lohnerhöhung gekriegt haben. Uns hat das Unternehmen aber unfreiwillig eine Brücke gebaut. Die Unternehmensleitung hat sich hingestellt und gesagt, dass die Kollegen von TKI nicht ab dem ersten Tag nach Tarif bezahlt werden. Sondern das könne einige Jahre dauern. Das hat in der Belegschaft berechtigt zu Unzufriedenheit geführt. Dazu muss man aber auch sagen, dass wir als Gewerkschaft es aktuell nicht durchsetzen konnten. Aber dieses Unbehagen kann man als Betriebsrat und als Gewerkschaft nutzen und sagen, Kollegen, da ist mehr drin. Ich hatte erst heute ein Gespräch mit einem Kollegen, wo ich gesagt habe, wenn wir das ändern wollen, dann können wir das nächstes Jahr in der Tarifrunde versuchen. Und bei der Vorbereitung auf die nächsten Tarifverhandlungen kannst du dich einbringen und einsetzen, dass die Arbeitsbedingungen besser werden.

UZ: Wie wird innerhalb der Belegschaft das Abrücken von der 35-Stunden-Woche aufgenommen?

Stefan Mitschke: In der Belegschaft wird das eher unkritisch gesehen, sondern als Lohnerhöhung und individuelle Arbeitszeitgestaltung verstanden. Wir wissen auch noch nicht, wo sich das einpendeln wird. Wird die Marke von 37,5 Stunden bestehen bleiben, weil genauso viele in Teilzeit gehen wie die, die 40 Stunden arbeiten wollen, oder halt nicht? Dass es eigentlich keine Lohnerhöhung ist, sondern einfach nur mehr arbeiten, sehen viele noch nicht. Gleichzeitig versucht das Unternehmen, Kollegen immer mehr Arbeitspakete zu geben, damit die Kollegen „freiwillig“ 40 Stunden arbeiten, um die Anforderungen überhaupt zu schaffen.

UZ: VW steckt sehr viel Geld in die neue Firma und lässt sich das praktische Auflösen der 35-Stunden-Woche derzeit noch sehr viel kosten. Was glaubst du, wie lange wird das so weitergehen?

Stefan Mitschke: Die Frage wird sich nächstes Jahr in den Tarifverhandlungen stellen. Das Unternehmen wird alles als Flexibilisierung zu Gunsten der Belegschaft verkaufen. Das Unternehmen wird kein Problem damit haben, dass der Sockel die 35-Stunden-Woche ist. Das ist denen egal. Sondern es geht darum, dass flächendeckend 40 Stunden gearbeitet wird. Cariad hat viel Geld gekostet. Aber verschenkt wird nichts.

UZ: Im Blick auf die Tarifrunde: Wie macht ihr euren Kolleginnen und Kollegen die eigene Kampfkraft bewusst?

Stefan Mitschke: Die Herausforderung ist, dass wir ein Klientel vor uns haben, das über Jahre entweder gar keine gewerkschaftliche Organisation kannte oder immer gesagt hat, die aus der Produktion werden das schon schaukeln. Der erste Schritt ist, überhaupt erst mal ein Bewusstsein zu schaffen, dass sie über ihre Arbeitsbedingungen mitbestimmen können. Der zweite Schritt ist, den Kollegen klar zu machen, dass sie sich nicht nur einbringen können, sondern auch Forderungen stellen und eventuell auch durchsetzen können. Wir sind da ganz am Anfang und bauen gerade einen Vertrauenskörper im Südosten auf. Der Nordwesten, also Wolfsburg, hat schon Vertrauensleute. Ich glaube, das ist ein ganz wichtiger Schritt, gewerkschaftliche Strukturen aufzubauen und Bewusstsein zu schaffen, dass auch ein Softwareentwickler die Tastatur fallen lassen kann.

UZ: Viele sagen aber, was bringt es, in der IT zu streiken? Ihr seid ja nicht die Produktion.

Stefan Mitschke: Wir „Programmierer“, wir Entwickler, wir „Powerpointschubser“ können auch richtig streiken. Davon bin ich überzeugt. Da wird es aber nicht reichen, nur einen Tag Warnstreik zu machen, sondern einfach mal drei Wochen nicht zur Arbeit zu gehen. Das heißt, drei Wochen lang Software-Releases zu ignorieren und die Deadlines zu reißen. Wenn Software-Releases nicht eingehalten werden, kann das Testing nicht starten, das Bug-Fixing kann nicht starten, die Software wird nicht rechtzeitig geliefert werden. Wenn die Cariad als Softwarelieferant Backends nicht mehr pflegt, keinen Support mehr leistet, sich die Softwarelieferung verzögert, und das für mehrere Tage oder mehrere Wochen, dann stehen irgendwann die Produktionsstandorte von Audi, Volkswagen, Seat, MAN und wie sie alle heißen still, weil sie von der Software abhängig sind.


Was macht ein Entwickler?

Wenn der Code eines Computerprogrammes geschrieben ist, fängt die Arbeit eigentlich erst an. Das Programm muss auf Herz und Nieren getestet werden (Testing) – funktio­niert alles, wie es soll, oder fehlen Funktionen, die man noch nacharbeiten muss? Fehler, sogenannte „bugs“, müssen repariert oder ersetzt (Neudeutsch: gefixt) werden. Stimmt alles, dann kann die Software (heute meist über das Internet) an die Kunden geliefert werden, sprich: es gibt ein Software-Release.

Ist die Software beim Kunden, ist die Arbeit noch nicht beendet. Kunden, die mit dem Programm nicht zurechtkommen, brauchen Hilfe oder vom Kunden verursachte Fehler müssen behoben werden. Ohne Support ist das beste Programm nutzlos. Dazu gehört auch, dass die Schaltoberfläche, mit der der Kunde dem Programm sagen kann, was es tun soll – das sogenannte „Backend“ – immer auf den neuesten Stand gebracht wird und für die Bedürfnisse des Kunden optimiert wird.


Über den Autor

Christoph Hentschel (Jahrgang 1980) ist Politikwissenschaftler und Redakteur für „Politik“. Er arbeitet seit 2017 bei der Zeitung der DKP.

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"Die „Powerpointschubser“ organisieren sich", UZ vom 23. Juli 2021



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