Wie man in einer Kleinstadt gegen Nazis kämpft

„Ein Pfahl für Demokratie“

Monika Engelhardt-Behringer und Dieter Behringer setzen sich seit Jahrzehnten gegen Nazis in ihrer Gemeinde Ettlingen ein. UZ sprach mit ihnen über die Gefahren, aber auch Chancen, die dieser Kampf mit sich bringt.

UZ: Sie engagieren sich nunmehr seit Jahrzehnten im baden-württembergischen Ettlingen gegen Neofaschismus und Rassismus. Wie unterscheidet sich die antifaschistische Arbeit in kleineren Städten und Kommunen von der in sogenannten Metropolen?

Monika Engelhardt-Behringer: Das „Ettlinger Bündnis gegen Rassismus und Neonazis“ gibt es seit 15 Jahren. In einer Kleinstadt wie Ettlingen kennt man sich. Viele ducken sich weg aus Angst vor Nachteilen, Anfeindungen oder auch Repression. In Großstädten schützt die Anonymität. Am Anfang arbeiteten viele Jugendliche in unserem Bündnis mit. Das änderte sich schlagartig, nachdem die Polizei deren Eltern das „Schreckgespenst Antifa“ und „schwarzer Block“ an die Wand malte.

UZ: Sie erwähnten es bereits, in kleineren Städten kennt fast jeder jeden. Bringt antifaschistisches Engagement da nicht besondere Gefahren mit sich?

Monika Engelhardt-Behringer: In einer Kleinstadt weiß jeder, wo der Gegner wohnt. Das kann dann auch zu Bedrohungslagen führen. Ich habe dafür Beispiele. So wurde einer unserer Jugendlichen von „Kameraden“ bei der Polizei angezeigt wegen angeblicher schwerer Körperverletzung. Anderes Beispiel: Ich habe ein eigenes Geschäft und bekam schon Besuch von kräftig gebauten „Kameraden“, die damit wohl deutlich zeigen wollten: „Wir wissen, wo du wohnst!“ Auch einen Buttersäureangriff auf unseren Pkw und unser Haus gab es. Besuch bekam unser Bündnis auch bei der VVN-Ausstellung „Neofaschismus in Deutschland“. Teile der Ausstellung wurden beschädigt.

UZ: Gibt es auch Vorteile?

Dieter Behringer: Natürlich hat es auch Vorteile, wenn man seine Mitbürgerinnen und Mitbürger kennt. Wenn du hier lebst, weißt du die Menschen einzuschätzen, weißt, an wen du dich wenden musst, wenn du dieses oder jenes erreichen willst. Und du weißt natürlich auch, wer auf der anderen Seite steht oder bei wem wohl jede Mühe vergebens ist.
Unsere engste Kooperation gibt es mit dem DGB-Ortsverband. Im Moment engagieren wir uns dafür, dass der Ettlinger Gemeinderat unsere Stadt zum Sicheren Hafen für Geflüchtete erklärt. Bei dieser Frage gibt es Unterstützung der Kirchengemeinden. Auch mit einigen Vereinen arbeiten wir punktuell zusammen. Mit Ettlinger Schulen beispielsweise gut bei Stolpersteinverlegungen. In Ettlingen sind die Wege kürzer und man kann durch die persönliche Bekanntschaft durchaus etwas erreichen.

UZ: Erhalten Sie Unterstützung für Ihre Arbeit von der Stadt oder wird Ihr Engagement dort als Störfaktor betrachtet?

Monika Engelhardt-Behringer: In unserer Anfangszeit wollte uns die damalige Oberbürgermeisterin keine Räume für Veranstaltungen im Jugendzentrum zur Verfügung stellen. Bei einem geplanten Nazi-Aufmarsch versuchte dieselbe Oberbürgermeisterin, eine eigene Veranstaltung gegen unsere Kundgebung zu setzen. Das misslang.
Aber es gibt auch positive Beispiele. Unterstützung bekommen wir bei der Verlegung von Stolpersteinen. Der Gemeinderat beschloss einstimmig, dass die Verlegung in Ettlingen stattfinden kann. Das Stadtbauamt unterstützt uns immer bei den erforderlichen Vorarbeiten. Im Rahmen einer städtischen Gedenkfeier an die Reichspogromnacht konnten wir unsere Broschüre „Stolpersteine in Ettlingen“ der Öffentlichkeit vorstellen. Und auf unsere Initiative hin wurde in Ettlingen ein Denkmal für Zwangsarbeiter errichtet.

UZ: Mit einer Broschüre zu Stolpersteinen, die an Naziopfer erinnern, haben Sie einen detaillierten Überblick geschaffen. Gelingt es damit, Diskussionen über den Naziterror oder auch die Gewalt und Hetze der Rechten heutzutage anzustoßen?

Dieter Behringer: Ob das allgemein gelingt, kann ich nicht sagen. Bei den von uns organisierten Rundgängen finden solche Diskussionen durchaus statt. Alle Ettlinger Schulen wurden von uns mit Klassensätzen der Broschüre ausgestattet. Eine Evaluation der Arbeit mit diesem Büchlein ist vorgesehen. Da müssen wir diese Frage auf jeden Fall aufnehmen.

UZ: Auch darüber hinaus haben Sie sich in der Vergangenheit sehr intensiv mit der Geschichtsarbeit befasst und zu den Biografien von Widerstandskämpfern und Naziopfern geforscht. Warum nimmt das in Ihrer Arbeit so einen großen Stellenwert ein?

Monika Engelhardt-Behringer: Ich denke, jeder Stolperstein, jede Biografie von Widerstandskämpfern ist ein Pfahl gegen Rassismus und Faschismus, ein Pfahl für Demokratie. Wenn wir Jugendliche über den Hitler-Faschismus aufklären, können wir das Fundament legen für eine aktive Betätigung gegen die heutigen Faschisten und ein offensives Eintreten für Demokratie und eine gerechtere Gesellschaft.

UZ: Es ist ja wahrscheinlich nicht leicht, die vielen Daten ausfindig zu machen und auszuwerten Wie sind Sie vorgegangen?

Monika Engelhardt-Behringer: Namen von Opfern des deutschen Faschismus sind in der Regel Zufallsfunde. Ein systematisches Vorgehen wäre die Abfrage bei den Gedenkstätten der damaligen Vernichtungseinrichtungen nach Menschen, die in Ettlingen geboren wurden oder da ihren Wohnsitz hatten. Leider sind die Gedenkstätten jedoch personell unterbesetzt und es entstehen oft lange Wartezeiten. Mit den gewonnenen Erkenntnissen forschen wir dann weiter in den Landesarchiven. Zuletzt, wenn es dann um den Wohnsitz in Ettlingen geht, kommt das Stadtarchiv ins Spiel.

UZ: Haben Sie die notwendige Unterstützung der Verwaltung von Archiven erhalten?

Dieter Behringer: Die Archive sind schon daran interessiert, dass Menschen ihre Informationen auch nutzen und damit arbeiten. Deshalb unterstützen sie uns auch im Rahmen ihrer engen personellen Ressourcen. Auch wir konnten durch unsere Forschungen Archiven schon zuarbeiten.

UZ: Kürzlich haben Sie in der 4. Auflage die Biografie von Fritz Birk veröffentlicht. Warum ist Ihre Wahl ausgerechnet auf Birk gefallen?

Dieter Behringer: Fritz Birk ist in Ettlingen geboren. Ich denke, Gedenken gegen das Vergessen lässt sich am eindringlichsten organisieren, wenn es einen lokalen Anknüpfungspunkt hat. So wird Geschichte lebendig und direkt erlebbar. Fritz Birk wollte nicht nur das Fortschreiten des Faschismus aufhalten, sondern auch den Sieg der Arbeiter über den Kapitalismus sicherstellen. Mit ihm haben wir einen überzeugten Gegner des Faschismus gefunden.

UZ: Wie ausgeprägt ist das Interesse an Birk in der Bevölkerung?

Monika Engelhardt-Behringer: Die Biografie hat schon regen Absatz gefunden. Sowohl in Ettlingen, hier vor allem, weil er eben hier geboren wurde, in Waldshut-Tiengen, wo sein späterer Wohnort war, bei Menschen aus dem Umfeld der VVN-BdA, deren Kreisvorsitzender in Tiengen Birk war, auch im Kreise des Vereins „Kämpfer und Freunde der Spanischen Republik“ (KFSR). Deutlich wurde das Interesse auch an den Zuhörerzahlen bei den bisher zu Birk gehaltenen Vorträgen.

UZ: Würden Sie Antifaschistinnen und Antifaschisten empfehlen, nicht nur tagesaktuell tätig zu werden, sondern die Menschen auch über die Geschichtsarbeit zum Engagement zu bewegen?

Dieter Behringer: Ja, auf jeden Fall! Das eine ist aktuelles antifaschistisches Handeln, auf das überhaupt nicht verzichtet werden kann, will man Nazis nicht die Straße und die Meinungshoheit überlassen. Das andere ist aber das langfristige Element antifaschistischer Arbeit: Bildungsarbeit, Geschichtsarbeit. Und tatsächlich gelingt es auch immer, über diese Schiene an neue Menschen heranzukommen, die wir vorher noch nicht erreichen konnten.

UZ: Müssten derlei Projekte dann nicht auch viel intensiver in Schulen durchgeführt werden, um die politische Bildung bei Schülerinnen und Schülern zu verstärken?

Monika Engelhardt-Behringer: Natürlich müsste das gemacht werden. Politische Bildung hat aber in den Schulen heute nicht oberste Priorität. Das ist zu bedauern, aber in diesem Gesellschaftssystem nicht gerade verwunderlich.

Das Gespräch führte Markus Bernhardt


Die Veröffentlichungen des Ettlinger Bündnisses gegen Rassismus und Neonazis können bestellt werden bei: ettlinger-buendnis@gmx.de

Die Broschüre „Stolpersteine in Ettlingen“ ist erhältlich gegen Spende plus Porto (1,55 Euro), das Buch von Dieter Behringer, „Fritz Birk, Widerstandskämpfer und Verteidiger der Spanischen Republik“ zum Preis von 6 Euro plus Porto (1,55 Euro).

Über den Autor

Markus Bernhardt (Jahrgang 1977) ist freier Journalist und Autor sowie studierter Sozialarbeiter. Er arbeitet für verschiedene Printmedien, unter anderem für die Tageszeitung „junge Welt“. Zu seinen Schwerpunkten gehören die Themen Innen-, Gesundheits-  und Gleichstellungspolitik sowie Antifaschismus.

2012 veröffentlichte er das Buch „Das braune Netz: Naziterror – Hintergründe, Verharmloser, Förderer“ über das faschistische Terrornetzwerk „NSU“ im PapyRossa Verlag Köln.

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"„Ein Pfahl für Demokratie“", UZ vom 10. April 2020



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