In Leipzig können sich Leiharbeiter über Lohnerhöhungen freuen

Erfolgreich gekämpft

Die IG Metall Leipzig hat Mitte November bei Unternehmen der Kontraktlogistik im Umfeld der Automobilproduktion einen Tarifvertrag erstritten. Es ist eine Besonderheit des Automobilclusters Leipzig, dass im Umfeld von BMW und Porsche nicht nur ein hoher Leiharbeitsanteil besteht, sondern auch ein hoher Anteil sogenannter Kontraktlogistik. Das sind Tätigkeiten, die oft an westdeutschen oder westeuropäischen Standorten von Stammbeschäftigten ausgeführt werden. Darüber sprachen wir mit Bernd Kruppa.

UZ: Wie sieht der Abschluss aus?

Bernd Kruppa ist Bevollmächtigter der IG Metall in Leipzig.

Bernd Kruppa: Wir haben in neun Unternehmen für 2.600 Beschäftigte Lohnerhöhungen von bis zu 6 Prozent durchgesetzt, steuerfreie Sonderleistungen von bis zu 500 Euro – teilweise nur für die Mitglieder der IG Metall – und mehr freie Zeit erstritten. Das ist der wesentliche Erfolg und ein deutliches Ausrufezeichen auch in Hinblick auf die weitere Entwicklung in der Metall- und Elektroindustrie.

UZ: Ihr habet diesen Tarifabschluss unter den aktuellen Corona-Bedingungen erreicht. Gab es den geschenkt?

Bernd Kruppa: Unter den aktuellen Corona-Bedingungen konnten wir die Auseinandersetzung nicht wie gewohnt mit Präsenzterminen wie Warnstreiks und Betriebsversammlungen führen. Dennoch wurde der Abschluss erkämpft. Wir haben keinen Zweifel daran gelassen, dass wir in diesem Bereich, der sich auch mit prekären Beschäftigungsverhältnissen auseinandersetzen muss, grundsätzliche Veränderungen erreichen wollten.
Wir sind dort vor Jahren aus der Diaspora gekommen. Es gab keine Betriebsräte, keine Tarifverträge oder Tarifverträge, die den Namen nicht verdient haben, sogenannte „christliche“ Tarifverträge. Diese Landschaft haben wir geordnet.

UZ: Mit wem habt ihr den Abschluss vereinbart?

Bernd Kruppa: Uns saß das „Who is who“ der deutschen Logistik und der industriellen Dienstleister, die sich im Umfeld der deutschen Automobillogistik tummeln, gegenüber, also Schnellecke, Rudolph Logistik, Seifert Logistics, ThyssenKrupp Automotive und andere.

Das Umfeld umfasst auch die Bereiche, die Transport, Versand und Verpackung angehen, und wir haben das ganze Umfeld organisiert. Inzwischen akzeptieren auch diese Unternehmen die Dreiecksbeziehung, bei den Verhandlungen sitzen indirekt auch die großen Konzerne wie Porsche und BMW mit am Tisch. Die modernen Produktionsprozesse sind anfällig, wenn in dieser Maschinerie ein Ritzel nicht mehr läuft, steht ja alles – da haben wir auch eine gewisse strategische Macht.

UZ: Was bedeutet der Abschluss konkret für die Kolleginnen und Kollegen?

Bernd Kruppa: Wir haben einen hohen Leiharbeiteranteil, insofern ist die Heranführung an ein akzeptables Entgeltniveau in den letzten beiden Tarifrunden gelungen. Unter den Aspekten der Pandemie war es möglich, steuerfreie Einmalzahlungen zu vereinbaren, und in Verbindung mit den Mitgliederboni ist das etwas, was die organisierten Kolleginnen und Kollegen stolz auf ihre erfolgreiche Auseinandersetzung macht. Und sie ist eine Abgrenzung von den Trittbrettfahrern, die ja häufig darauf spekulieren, die gleiche Kohle zu erhalten, ohne sich zu organisieren.

In Einzelfällen ist es auch gelungen, mehr freie Tage zu erstreiten, wenn einzelne Belegschaften für sich entschieden haben, zusätzliche freie Tage gegen die Entgelterhöhung zu stellen.

UZ: Möglich war der Erfolg nur durch eine gewerkschaftliche Organisierung der Beschäftigten. Wie ist euch das gelungen?

Bernd Kruppa: Wir haben die Belegschaften so aufgestellt, dass sie Betriebsräte gewählt haben, das heißt, sie waren nicht mehr sprachlos. Wir haben sie organisiert, zum Teil hoch organisiert, so dass wir im Zweifel auch konflikt- und aktionsfähig sind. Wir haben mittlerweile in Leipzig disziplinierte und entschlossene Belegschaften, die wissen, dass ihre Tarifverträge nicht irgendwo im Hinterhof gemacht, sondern selbst erkämpft werden. Das ist ein hohes Gut. Das haben mittlerweile auch Porsche und BMW akzeptiert. Die Herstellung einer tariflichen Ordnungslandschaft und die Verwirklichung des Grundsatzes „Ein Betrieb – eine Gewerkschaft“ haben überproportionale Abschlüsse schon vor zwei Jahren durchgesetzt.

UZ: Welche Erwartungen haben die Kolleginnen und Kollegen in der Metall- und Elektroindustrie im Osten der Republik an die aktuelle Tarifrunde?

Bernd Kruppa: Die Tarifrunde findet in Corona-Zeiten statt und in Zeiten der Transformationsprozesse gerade in der Automobilindustrie. Die Schlüsselfrage wird sein, in welchem Verhältnis die Entgeltentwicklung zur Beschäftigungssicherung steht. So ist ja unsere bundesweite Forderung zu verstehen, die ein Modell von kürzeren Arbeitszeiten vorsieht, aber auch nicht – allein schon aus volkswirtschaftlichen Überlegungen heraus – auf eine Entgelterhöhung verzichtet.

Ganz klar steht jetzt die Beschäftigungssicherung im Mittelpunkt. Aber es steht die Frage um die Arbeitszeitangleichung im Osten, da geht es der IG Metall auch um die Erfüllung einer historischen Mission. Nachdem die Systemkonkurrenz gefallen war, wollten die Arbeitgeber im Osten Experimentierzonen schaffen. Sollte es einen Sozialkonsens jemals gegeben haben, wollten sie diesen in Frage stellen inklusive der Mitbestimmung und auch der Tarifautonomie, Das haben wir erfolgreich verhindern können.

UZ: Für den Öffentlichen Dienst wurde in der jüngsten Tarifrunde die Angleichung der Arbeitszeiten vereinbart. Wie sieht es bei den Metallern aus?

Bernd Kruppa: Die Frage der Arbeitszeitverkürzung gewinnt deutlich an Bedeutung, gerade hier im Osten, wo wir ja gegenüber den West-Kollegen benachteiligt sind. In den Betrieben der Kontraktlogistik haben wir in den letzten Jahren deutliche Schritte zur Arbeitszeitverkürzung durchgesetzt. Das ist ein Novum. Das ist auch von hoher Bedeutung für die Stammbelegschaften, die ja hier seit Jahren für die Verkürzung der Arbeitszeit kämpfen.
Die Arbeitszeitfrage ist der signifikanteste Unterschied im Ost-West-Maßstab, nachdem wir die Angleichung bei den Entgelten erreicht haben.


Die Kontraktlogistik ist ein Geschäftsmodell, das mehrere Dienstleistungen miteinander kombiniert und in der Automobilindustrie sowie der Luft- und Raumfahrtindustrie weit verbreitet ist. Ihr Geschäft sind kundenbezogene Speditionstätigkeiten wie Transport, Lagerhaltung sowie weitere logistische und fertigungsnahe Dienstleistungen der Metall- und Elektroindustrie. Per Werkvertrag übernehmen sie im Automobilcluster Leipzig Arbeiten für die Autohersteller. So wurden Tarifverträge unterlaufen und prekäre Arbeitsplätze geschaffen – schlechte Arbeitsbedingungen für Billiglöhne. Die Arbeit der 2.600 Beschäftigten ist aus den Produktionsprozessen von Porsche und BMW nicht wegzudenken. Sie arbeiten Seite an Seite mit den Stammbeschäftigten der Autohersteller, mussten aber lange für vergleichbare, bessere Löhne und kürzere Arbeitszeiten kämpfen.

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"Erfolgreich gekämpft", UZ vom 11. Dezember 2020



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