„Aufstehen gegen Rassismus“ trainiert Aktive, um „rote Linie“ gegen Rechts zu ziehen

Jede Antwort ist besser als keine

Von Olaf Matthes

„Aufstehen gegen Rassismus!

Deine Stimme gegen die AfD!“

3. September, Berlin

Demonstration (14.00 Uhr, Adenauerplatz)

Konzert (17.00 Uhr, Lützowplatz)

Mein Gegenüber, aktiv bei der VVN, liest von einer Moderationskarte ab: „Für die Flüchtlinge ist das Geld da, für uns nicht.“ Ich habe 45 Sekunden Zeit, um auf die rassistische Parole zu antworten, die Teamerin gibt ein Zeichen, der innere Kreis geht einen Schritt weiter – das „Kugellager“ dreht sich. Die nächste Karte, die nächste Parole. Wir werden zu Trainern für die „Stammtischkämpfer“ des Bündnisses „Aufstehen gegen Rassismus“ ausgebildet. Die rechten Parolen haben wir in der Runde zusammengetragen, anschließend werten wir aus: Was hat funktioniert? „Gegenfragen stellen.“ Was nicht? „Moralisch reagieren.“ „Ich glaube nicht, dass ich damit echte Menschen überzeuge“, sagt ein Teilnehmer.

„Aufstehen gegen Rassismus“ will gegen die AfD mobil machen und vor den Wahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern die Stimmung beeinflussen. Für den 3. September plant das Bündnis eine Demons­tration und ein Konzert in Berlin. Die Stammtischkämpfer sind ein Teil der Kampagne – 10 000 will das Bündnis im Laufe des kommenden Jahres ausbilden. Nun hat das Bündnis begonnen, die Trainerinnen und Trainer für die Stammtischkämpfer zu schulen. Ver.di und IG Metall stellen Geld und Strukturen bereit, auch in den Gewerkschaften sollen Stammtischkämpfer geschult werden. Die ersten Schulungen finden im Rahmen der Regionalkonferenzen des Bündnisses statt, am vergangenen Wochenende in Leipzig, am kommenden Wochenende in München und hier in Frankfurt, am 10. Juli im Bockenheimer Studierendenhaus. Knapp 70 Aktive sind gekommen, 37 von ihnen lassen sich zu Stammtischkämpfer-Trainern ausbilden, sie kommen von den Grünen, der Linkspartei, sind als Studierende in der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit aktiv oder arbeiten in den lokalen Bündnissen mit, die an der Willkommenskultur vom letzten Jahr festhalten.

Inakzeptabel

Das Bündnis will mit den Stammtischkämpfern auf die Polarisierung der letzten Jahre reagieren, sagt eine der Organisatorinnen, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will: „Viele ordnen sich einem rechtskonservativen Protestlager zu, andere ordnen sich dem demokratischen Lager zu. Rechte Sprüche, die früher tabuisiert waren, können jetzt offen gesagt werden. Die Stammtischkämpfer können den rechten Parolen eine Antwort von demokratisch-linker Seite entgegensetzen und sie wieder an den Rand der Gesellschaft drängen.“

Lisa, eine der Teamerinnen, leitet die Frankfurter Trainer-Schulung ein: Es habe eine „rote Linie“ in Deutschland gegeben, die rassistischen Auffassungen jenseits dieser Linie seien nicht mehr Teil dessen gewesen, „was man als politisch akzeptabel ansieht.“ Jetzt werden AfD-Leute auch in Talkshows eingeladen. Um die „rote Linie“ neu zu ziehen, „haben wir ein sehr, sehr breites Bündnis aufgebaut“. Die 10 000 Stammtischkämpfer sollen, sagt Lisa, diese Linie ziehen und „sagen: Wir finden dein Verhalten nicht akzeptabel“, wenn sie am Arbeitsplatz oder in der U-Bahn rassistische Sprüche zu hören bekommen.

Darauf ist die Stammtischkämpfer-Ausbildung ausgerichtet: Auf eine rechte Parole selbstbewusst reagieren zu können. Das probieren wir aus im „Kugellager“ und einem Rollenspiel, die Teamer stellen die Präsentation vor, die den Trainern bundesweit an die Hand gegeben werden soll. Hier geht es nicht darum, welche Ursachen der Aufstieg der AfD hat, welche Gründe Arbeiterinnen, kleine Selbstständige und Erwerbslose haben könnten, den Rechten hinterherzulaufen. Hier geht es um Argumentationsstrukturen.

Logisch falsch

„Um reaktionssicher zu werden, kann man sich das Muster (der AfD-Argumente) klarmachen und die Auseinandersetzung üben“, heißt es in der Präsentation. „Der Flickenteppich“ ist so ein Muster, eine bunte Sammlung von Behauptungen. „Verallgemeinerung“ ist ein anderes Muster rechter Parolen: Ein Einzelfall wird auf alle Muslime übertragen. Um zu reagieren, erklären die Teamer, könne es hilfreich sein, auf dieses Muster hinzuweisen: „Das ist ja ein Mix aus Behauptungen“, „da verallgemeinerst du.“ Und man könne die Widersprüche in den rechten Argumenten herausarbeiten. Eine grauhaarige Lehrerin stellt fest, dass man das ja auch philosophisch sehen könne: Es geht um Logik.

Welche rote Linie?

„Aufstehen gegen Rassismus“ hat sich bereits in dem Aufruf, den das Bündnis Anfang des Jahres veröffentlicht hat, und auf der großen Bündniskonferenz im April dafür entschieden, bestimmte inhaltliche Fragen aus der Zusammenarbeit auszuklammern: Kritik an der rassistischen Asylpolitik, der Sozialpolitik und der Kriegspolitik der Bundesregierung kommt nicht vor, denn der Aufruf sollte auch für hochrangige Sozialdemokraten akzeptabel sein – Bundesministerin Manuela Schwesig hat unterschrieben.

Die DKP hat den Aufruf nicht unterzeichnet, weil sie davon ausgeht, dass es im Kampf gegen Rechts nicht auf „rote Linien“, sondern auf die gemeinsamen Interessen aller arbeitenden Menschen, auch der Flüchtlinge, ankommt. Sie sagt: „Unsere Willkommenskultur heißt: ‚Gemeinsam kämpfen‘“ und dabei sei es hinderlich, jede Kritik an der Bundesregierung auszuklammern. „Wir beteiligen uns, wo wir das können, an der Arbeit der lokalen Bündnisse, zum Beispiel bereiten wir die Demo am 3. September in Berlin mit vor“, sagt die stellvertretende DKP-Vorsitzende Wera Richter. „Aber für uns geht es im Kampf gegen die AfD nicht um eine rote Linie gegen Kolleginnen und Kollegen, die rechten Hetzern auf den Leim gehen. Ihre Ängste vor sozialem Abstieg und Wohnungsverlust sind ja sehr real. Verursacher dieser Situation sind aber mit Sicherheit nicht die Flüchtlinge. Wir müssen den Blick auf die Verursacher lenken. Uns geht es deshalb um rote Linien gegen Kürzungspolitik, das Hartz-System mit seinen Sanktionen, gegen Kriegspolitik, die die Flucht Zehntausender verursacht, und gegen die rassistische Asylpolitik. Darüber wollen wir mit den anderen Aktiven diskutieren.“

Die Ausrichtung des Bündnisses, sagt die Bündnis-Organisatorin, „hat sich als positiv und inklusiv herausgestellt.“ „Das Ziel der Kampagne ist, Menschen gemeinsam in eine Aktion zu bringen – da lernen Leute sich kennen, eine Pax-Christi-Mitarbeiterin redet mit einem Juso oder jemandem von der, Interventionistischen Linken‘.“ Bei den Stammtischkämpfer-Schulungen sei es „befruchtend, wenn unterschiedliche Meinungen vertreten sind“, gegen rassistische Parolen sei „jede Antwort besser als keine“. „Die großen Welterzählungen sind alle ein bisschen anders“, das Ziel des Bündnisses sei aber, gemeinsam in die Aktion zu kommen und nicht, die „Welterzählung zu ändern“.

Diese unterschiedlichen Auffassungen zeigen sich auch bei der Frankfurter Schulung: „Hier geht es um politische Argumente – da gibt es unterschiedliche Auffassungen“, sagt ein Teilnehmer. In den Argumenten, die wir zusammentragen, in den Diskussionen, die wir üben, scheint immer wieder auf, worum es eigentlich geht: Die sozialen Ängste, die die AfD für ihre Zwecke benutzt, die rassistische Asylpolitik der Bundesregierung. Um daran weiterzudiskutieren und Schlussfolgerungen zu ziehen ist hier nicht der Raum: „Ich würde ungern in die inhaltliche Debatte gehen – wir werten hier gerade eine Methode aus“, sagt eine Teamerin.

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"Jede Antwort ist besser als keine", UZ vom 29. Juli 2016



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