Über tödliche Folgen von Krankenhausschließungen

Kein Bett frei

Am Morgen des 2. Weihnachtstages bricht die 77-jährige Gerda Meier zu Hause zusammen. Ihr 84-jähriger Mann ruft den Notarzt. Seine Frau wird „ruckzuck“ ins Krankenhaus gebracht. Nachts um halb zwei wird sie vom Krankenwagen wieder nach Hause gebracht, von den Sanitätern in die Wohnung getragen und ins Bett gelegt. Am nächsten Morgen kommt sie nicht wieder zu sich. Wieder ruft ihr Mann einen Krankenwagen, in der Klinik stellen die Ärzte einen schweren Schlaganfall fest. Anderthalb Wochen später, am 4. Januar, stirbt Gerda Meier aus Katernberg im Essener Norden. Warum musste die alte Frau mitten in der Nacht nach Hause gebracht werden? Von der Klinik hörte ihr Mann: Wir haben kein Bett frei – wegen Corona.

Ende des Jahres hat die katholische Contilia-Gruppe zwei Krankenhäuser im Essener Norden geschlossen. Contilia betreibt weitere Krankenhäuser. Die Gruppe wollte die geschlossenen Häuser nicht verkaufen, das hätte die Konkurrenz stärken können. Die Klinik, die Gerda Meier nachts nach Hause geschickt hat, gehört ebenfalls Contilia. In Essen gibt es noch zehn Krankenhäuser für die Grundversorgung. Neun davon stehen im Süden der Autobahn A 40, eines im Norden. In den Stadtteilen nördlich der Autobahn wohnt der ärmere Teil der Essener Bevölkerung, im Süden liegen die besseren Viertel. Durch die Schließung gibt es im Essener Norden 190 Betten weniger, außerdem weniger Betten auf Intensivstationen.

Die Landesregierung behauptet, es gebe genug Betten in Essen. Die Stadtverwaltung blockiert ein Bürgerbegehren, das die Schließung der Häuser verhindern oder rückgängig machen will. Diejenigen, die im Essener Norden gegen die Schließungen kämpfen, fordern, dass die Stadt die Häuser übernimmt. Landes- und Bundesregierung haben dafür gesorgt, dass es möglich ist, mit dem Betreiben von Krankenhäusern Profit zu machen. Dass die Krankenhausbetten knapp sind, liegt nicht an der Pandemie. Dass in der Pandemie Kliniken geschlossen werden, zeigt nur, dass unsere Gesundheitsversorgung davon beeinflusst wird, was die Manager der Klinikkonzerne entscheiden.

Der Fall von Gerda Meier gibt einen Eindruck davon, was diese Entscheidungen im schlimmsten Fall bewirken können. Ein Einzelfall ist er sicher nicht.

✘ Leserbrief schreiben

An die UZ-Redaktion (leserbriefe (at) unsere-zeit.de)

"Kein Bett frei", UZ vom 26. Februar 2021



    Bitte beweise, dass du kein Spambot bist und wähle das Symbol Haus aus.

    Vorherige

    Die Ehe gehört abgeschafft

    Transatlantische Agenda

    Nächste