Die Finanzierung der Spiele ’72

Kosten und Kommerz

In einer Straßenumfrage, die der „Bayrische Rundfunk“ kurz vor den Olympischen Spielen live ausstrahlte, ging es noch einmal um die Kosten der Ausrichtung. Am häufigsten war von den befragten Münchnerinnen und Münchnern zu hören, es sei doch besser, die Kohle für Olympische Spiele rauszuwerfen, statt für Rüstung und Krieg.

351306 Muenze - Kosten und Kommerz - Olympische Spiele - Hintergrund

Bereits 1966 war klar, dass die ursprünglich vorgesehenen 497 Millionen D-Mark nicht reichen würden. Von Mehrkosten in Höhe von mindestens 23 Millionen war damals die Rede. Das liege vor allem an den Preissteigerungen. Ein „Notopfer“ als Zusatzabgabe für die Spiele in München war im Gespräch. Letztendlich stiegen die Kosten auf fast 2 Milliarden D-Mark. Ein „Notopfer“ wurde der Bevölkerung nicht abverlangt – es gelang auf viel elegantere Weise, den Menschen das Geld aus der Tasche zu ziehen.

Ein Finanzbeamter soll dem Olympischen Komitee damals vorgeschlagen haben, Zehn-Mark-Olympiamünzen zu verticken. Bei Herstellungskosten von 2,50 D-Mark Kosten blieben pro Münze 7,50 D-Mark Gewinn. Der Trick war, dass offizielle Gedenkmünzen auch als Zahlungsmittel anerkannt sind, für die Finanzierung also eigentlich echtes Geld gedruckt wurde. Die Münzen waren ein voller Erfolg: 100 Millionen Stück konnte man verkaufen. Die meisten von ihnen kamen nie in Umlauf und liegen heute noch auf Dachböden und in Kellern. Dazu kamen die Briefmarken, auch sie waren ein Renner.

Zusätzlich gab es eine „Olympia­lotterie“. Mit dem „Olympiagroschen“ – also für zehn Pfennig – konnte man einen Lottoschein zur Teilnahme erwerben. 252 Millionen D-Mark kamen so zusammen. Die „Glücksspirale“ lockte zudem mit einem Rekordgewinn von einer Million D-Mark. Das offizielle Strahlen-Emblem der Spiele wurde zum werbewirksamen Logo der Lotterie. „Mit fünf Mark sind sie dabei“, lockte unter anderem Franz Beckenbauer. Die Glücksspirale spielte noch einmal 187 Millionen D-Mark ein.

Nur das erste offizielle Olympia-Maskottchen, der treue Dackel „Waldi“, wurde nicht zum Verkaufsschlager. Aus heutiger Sicht völlig unverständlich, verkörpert Waldi – dem der Vorzug vor dem Schäferhund gegeben wurde – doch perfekt das harmonische und friedliche Bild, mit dem die Organisatoren von den Olympischen Spielen 1936 in Berlin ablenken wollten.

16 Spielwarenhersteller erhielten Lizenzen zur Produktion von Waldi, das Maskottchen wurde intensiv beworben und vermarktet. Der Dackel zierte Papiertüten, Sticker, Poster und Anstecker, war in Holz, Stoff, Frottee oder Plüsch, als Knautschtier, Kissen und Puzzle erhältlich. Aber es gab noch mehr: Waldi-Lutscher, Sparschweine beziehungsweise Spardackel und Luftballons – sogar aus purem Gold und mit Halskette soll es das Vieh gegeben haben.

Letztendlich belief sich der Gesamtwert der nicht verkauften offiziellen Olympia-Andenken auf 50 Millionen DM. Von 13 angebotenen Waldi-Versionen waren nur zwei zu Verkaufsschlagern geworden. Mit dem Versuch, die Olympischen Spiele unbedingt und umfassend zu vermarkten, war München der Zeit 12 Jahre voraus.LM

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Über den Autor

Lars Mörking (Jahrgang 1977) ist Politikwissenschaftler. Er arbeitete nach seinem Studium in Peking und war dort Mitarbeiter der Zeitschrift „China heute“.

Mörking arbeitet seit 2011 bei der UZ, zunächst als Redakteur für „Wirtschaft & Soziales“, anschließend als Verantwortlicher für „Internationale Politik“ und zuletzt – bis Anfang 2020 – als Chefredakteur.

 

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"Kosten und Kommerz", UZ vom 2. September 2022



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