Zum Konflikt um Berg-Karabach

Machtkampf im Kaukasus

Nach Lenin ist ein Merkmal des Imperialismus, dass die territoriale Aufteilung der Welt abgeschlossen sei. Folglich kommt es in den Scharaden der Monopole und ihrer Staaten – durch ökonomischen Zwang – zur Fortsetzung der Politik „mit anderen Mitteln“. Zur Vorgeschichte des Krieges zwischen Armenien und Aserbaidschan zählt, dass es schon Mitte Juli zu Kampfhandlungen in der „Ganja Gap“ gekommen ist. Diese „Lücke“, benannt nach Aserbaidschans zweitgrößter Stadt Gandscha, durchfließen zwei international bedeutende Transportwege – die Baku-Tiflis-Ceyhan- sowie die Baku-Batumi-Pipeline.

Entscheidend ist, dass Aserbaidschan für die ökonomisch seit den 1980er Jahren aufstrebende Türkei den gewichtigsten Energielieferanten darstellt. Unter dem Deckmantel der neoosmanischen Bruderhilfe gab Erdogan dem Klan um Aserbaidschans Präsidenten Ilham Alijev diplomatische und finanzielle Hilfe, schickte in Syrien arbeitslos gewordener Mordbrenner zur militärischen Unterstützung und sicherte Alijev und sich selbst damit einen Erfolg, mit dem inländische Probleme wie Pandemie, Lira-Verfall und die zyklische Krise kaschiert werden konnten.

Die traditionelle Vormacht im Kaukasus, Russland, scheute eine deutliche Parteinahme zu armenischen Gunsten, hielt den Konflikt am Köcheln, belieferte beide Seiten mit Waffen. Diese Politik besitzt Kalkül: der armenische Flirt mit dem Westen wurde bestraft, die muslimisch-russische Bevölkerung nicht vergrault, der Zugang zum Iran gesichert, das Völkerrecht geachtet und die russische Militärpräsenz auf zehn Jahre zementiert.

Trotzdem: Mit dem NATO-Mitglied Türkei, die sich als Schutzmacht der „Entrechteten“ von Tripolis bis Xinjiang begreift, ist im Kaukasus zu rechnen, eine erste Duftmarke wurde gesetzt – die Konfrontation mit Russland kann folgen. Interessant ist letztlich, dass die beiden anderen Vorsitzenden der „Minsker Gruppe“ – die USA wie Frankreich – keinen Einfluss auf den Ausgang der Entscheidungen besaßen.

Der türkische Imperialismus wird nach den Konflikten mit Griechenland, Zypern und dem Karikaturen-Streit eine weitere konfrontative Expansion suchen. Solange Erdogan den mit Milliarden bestochenen EU-Türsteher mimt, scheint aus Berlin keine Kritik vernehmbar zu sein – aus dem Élysée-Palast hingegen kommen andere Töne. Der Kreml, Teheran und Peking halten still, noch.

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"Machtkampf im Kaukasus", UZ vom 20. November 2020



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