Das Grundsatzwerk von Heinz Keßler und Fritz Streletz ist neu erschienen

Ohne die Mauer hätte es Krieg gegeben

Zum 60. Jahrestag der Sicherung der Staatsgrenzen der DDR, besser bekannt als Mauerbau, gibt es nur wenige Veröffentlichungen, die sich unvoreingenommen des Themas annehmen. Generaloberst a. D. Fritz Streletz legt in der Edition Ost eine überarbeitete Auflage seines Buchs „Ohne die Mauer hätte es Krieg gegeben“ vor. Streletz, Jahrgang 1926, von 1979 bis 1989 Stellvertreter des Oberkommandierenden der Streitkräfte des Warschauer Vertrages, Stellvertretender Minister für Nationale Verteidigung, ist Insider. Sein Ko-Autor, Armeegeneral a. D. Heinz Keßler (1920 bis 2017), konnte ebenfalls aus erster Hand berichten. Der gelernte Maschinenschlosser war von 1956 bis 1985 Stellvertretender Verteidigungsminister, danach Verteidigungsminister bis 1989.

Wir veröffentlichen mit freundlicher Genehmigung des Verlages hier Auszüge aus dem Vorwort und aus zwei Kapiteln.

Kriege beginnen immer mit Lügen. Mit dem angeblichen Überfall Polens auf den deutschen Sender Gleiwitz wurde der Einmarsch der Wehrmacht im östlichen Nachbarland begründet. Der Krieg der USA gegen das sozialistische Vietnam wurde mit der Lüge legitimiert, im Golf von Tonkin sei ein US-Kriegsschiff von nordvietnamesischen Booten angegriffen worden. Der erste Krieg gegen den Irak begann mit der Brutkasten-Story in Kuweit, die eine PR-Agentur für zehn Millionen Dollar erfunden hatte, der zweite mit der vorgeblichen Existenz von Massenvernichtungswaffen, die dann aber nicht gefunden wurden. 1999 schickten zwei deutsche Bundesminister, ein Grüner und ein Sozialdemokrat, deutsche Soldaten erstmals nach 1945 wieder in den Kampf. Der von ihnen halluzinierte „Hufeisen-Plan“ der serbisch-jugoslawischen Führung zur ethnischen „Säuberung“ des Kosovo hat aber nie existiert. Der Krieg gegen Libyen wurde begründet mit der Lüge, Staatschef Al-Gaddafi bombardiere das eigene Volk. Seither herrscht Bürgerkrieg im Land.

Die Kriegsrhetorik lebt

Die Erkenntnis, dass im Krieg die Wahrheit das erste Opfer sei, ist bereits zweieinhalbtausend Jahre alt – sie formulierte damals der griechische Dichter Aischylos, heißt es. Doch in der Gegenwart vernebelt die politische Lüge die Hirne von Milliarden Menschen. Mit Hilfe digitaler Technik werden nicht nur Wichtiges und Sinnvolles in Sekunden global verbreitet, sondern auch ungeheuerliche Unwahrheiten in die Welt gesetzt.

Russland bedroht seine Nachbarn, heißt es beispielsweise, weshalb NATO-
Panzer – darunter auch deutsche – ins Baltikum verlegt wurden. Die Behauptung, dass Russland auf seinem Territorium Truppen konzentriere und im Schwarzen Meer Manöver durchführe, weshalb Gegenmaßnahmen ergriffen werden müssten, erinnert mich fatal an 1941. „Heute“, behauptete damals Hitler, „stehen rund 150 russische Divisionen an unserer Grenze.“ Damit seien die Abmachungen des Freundschaftsvertrages mit Deutschland gebrochen und „in erbärmlicher Weise“ verraten. Das Schicksal Europas sei nunmehr in die Hand der deutschen Soldaten gelegt … Mit dieser infamen Behauptung wurde vor achtzig Jahren die Legende vom Präventivkrieg geboren. Sie ist, wie wir mit Entsetzen täglich sehen und hören, nicht gestorben. Die Kriegs­rhetorik lebt.

Vorbeugend – zur Verteidigung der Menschenrechte und der freien Schifffahrt – schicken die NATO-Staaten USA, Großbritannien und Frankreich Flugzeugträger und Kriegsschiffe ins Südchinesische Meer. Auch eine deutsche Fregatte soll im Indo-Pazifik der chinesischen Aggression die Stirn bieten. Komisch, weshalb sich da der Gedanke an die Mission des deutschen Kanonenboots „Panther“ aufdrängt, als der deutsche Kaiser dieses und zwei weitere Kriegsschiffe zur Wahrung nationaler Interessen nach Agadir an der marokkanischen Küste schickte. Der SPD-Bundesverteidigungsminister Peter Struck erklärte 2002 traditionsbewusst, als man in Afghanistan einrückte: „Die Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland wird auch am Hindukusch verteidigt.“

Seit dem Erscheinen der 1. Auflage dieses Buches, in dem über die erfolgreiche Verhinderung eines Krieges 1961 berichtet wird, sind inzwischen zehn Jahre vergangen.

In dem verflossenen Jahrzehnt ist sehr viel geschehen, der Frieden aber nicht sicherer geworden. Die Hochrüstung und die Rüstungsexporte haben ein nie gekanntes Niveau erreicht, Rüstungskontrollverträge wurden annulliert, ausgesetzt oder nicht verlängert. Auf fünf Kontinenten – Australien und Antarktika ausgenommen – toben Dutzende Kriege und bewaffnete Konflikte. Diese wiederum verursachen Not und Elend und treiben Millionen Menschen in die Flucht. Und die Völkerwanderung verschärft die sozialen Probleme in anderen Staaten und gefährdet dort den inneren Frieden.

Ein Funke genügt

Am gefährlichsten für den Weltfrieden ist jedoch die aggressive Konfrontationspolitik der NATO und deren Führungsmacht, die gegen ihren Niedergang kämpft. (…) Doch seit die Dominanz der USA zunehmend infrage gestellt wird, insbesondere durch den Aufstieg der Volksrepublik China, spricht Washington seinen Anspruch diplomatisch unverhüllt aus und verleiht ihm Nachdruck. (…)

Das alles vergiftet nicht nur die internationalen Beziehungen, sondern erhöht dramatisch die Gefahr eines großen Krieges. Wir sollten nicht vergessen, dass die Weltwirtschaftskrise, die 1929 ihren Anfang in den USA nahm, nicht mit dem New Deal von Präsident Franklin D. Roosevelt, sondern durch den Zweiten Weltkrieg beendet wurde.

Unser Buch zeigt, wie in einer angespannten Sicherheitslage die Politik es vermochte, einen Konflikt zu entschärfen. Damals wie auch heute genügte ein Funke, das Pulverfass zur Explosion zu bringen. Vor sechzig Jahren gelang es, diesen Funken gemeinsam auszutreten, woran auch der junge US-Präsident John F. Kennedy insofern beteiligt war, als er Moskau zugestand, gemäß seiner Sicherheitsinteressen auf seinem Territorium, in seinem Einflussgebiet ungehindert zu agieren, sofern davon nicht die Interessen der USA betroffen sein würden. Die Sicherheitspolitik und das Sicherheitsverständnis Moskaus haben sich seither nicht geändert. Die der Vereinigten Staaten von Amerika hingegen schon.

Keßler, Freund und Genosse

An der vorliegenden Dokumentation hat Heinz Keßler mitgewirkt. Der Armeegeneral war als Verteidigungsminister der DDR mein Chef, mein Genosse und auch mein Freund. Gemeinsam haben wir im Sommer 2011 dieses Buch in Berlin vorgestellt. Das Echo war, wie erwartet, geteilt. „Zwei Betonköpfe“ („Neue Zürcher Zeitung“, 28. Juli 2011) hätten einen „verbalen Schmutzwall zwischen zwei Buchdeckel“ errichtet („Frankfurter Allgemeine Zeitung“, 9. Mai 2011) und angeblich die „Schüsse auf Flüchtlinge beschönigt“ („Die Welt“, 12. Mai 2011). „Selbstzweifel oder gar Selbstkritik“ („Der Tagesspiegel“, 11. August 2011) seien „den alten Genossen“ unbekannt, befand der Journalist.

Dem Hohn, der Ignoranz, der ideologischen Verblendung und der persönlichen Schmähung standen weitaus mehr anerkennende Bekundungen entgegen, die bis heute andauern. Sie fanden ihren Ausdruck auch in der großen Zahl jener, die Heinz das letzte Geleit gaben. Er verstarb am 2. Mai 2017 im Alter von 97 Jahren. So erinnert denn diese Neuauflage nicht nur an ein wichtiges Ereignis der europäischen Nachkriegsgeschichte, sondern auch an einen Soldaten, der wenige Tage nach dem Überfall Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion aus der Wehrmacht desertierte und zur Roten Armee überlief. „In der DDR wurde mein Vater Offizier, weil er den Krieg hasste“, sagte sein Sohn in der Trauerrede. Heinz Keßler sorgte mit dafür, dass die Nationale Volksarmee die einzige deutsche Armee ist, die nie in einen Krieg zog.

Das alles sollte man im Hinterkopf haben, wenn man dieses Buch liest und die Geschichtsverdrehungen zur Kenntnis nehmen muss, die um den 13. August 2021 ganz gewiss in den deutschen Medien verbreitet werden. „Jede Kriegführung gründet auf Täuschung“, soll schon vor zweieinhalbtausend Jahren der chinesische Militärstratege Sunzi formuliert haben. Das gilt auch für den Informations- und Propagandakrieg, in dem wir uns gegenwärtig befinden.

Der Umgang mit dem 13. August 1961 ist heute ritualisiert, die Haltung zur Mauer fixiert. Hier wird sichtbar, was Napoleon in den Satz gekleidet hat, dass die Geschichte die Summe der Lügen sei, auf die sich die Herrschenden nach dreißig Jahren geeinigt hätten. Das trifft zu. Keine im Bundestag vertretene Partei sieht es heute anders, als in den Medien und in den Schulbüchern seit Jahr und Tag mitgeteilt wird.

Die Linkspartei wirft sich an jenem Datum pflichtschuldig ihr Büßergewand über, trägt ihren Kranz in die Bernauer Straße und lässt sich dafür beschimpfen. Beschämt erklärte sie selbstanklagend beispielsweise 2001, als sie noch PDS hieß: „Die Berliner Mauer war ein Ergebnis der Blockkonfrontation im Kalten Krieg. Die Opfer dieses Grenzregimes sind jedoch mit dem Verweis auf internationale Rahmenbedingungen und Sicherheitskonzepte keinesfalls zu rechtfertigen. Menschliches Leid verlangt Respekt und Nachdenklichkeit. […] Mit den Maßnahmen zum 13. August wollte die Partei- und Staatsführung in einer Art Befreiungsschlag mit nicht mehr beherrschbaren Schwierigkeiten fertig werden.

Was als Sieg gefeiert wurde, war in Wahrheit eine schwere Niederlage in derSystemauseinandersetzung auf deutschem Boden. […] Nicht zum Schutz gegen einen angeblich drohenden Einmarsch der Bundeswehr, sondern gegen den Exodus der eigenen Bürger wurde ein Wall gebraucht. Chruschtschow gegenüber leistete Ulbricht den Offenbarungseid: Bei weiterhin offener Grenze ist der ‚Zusammenbruch unvermeidlich‘. Doch stand eine Selbstaufgabe der DDR nicht zur Debatte und schon gar nicht zur Disposition deutscher Politiker, denn die DDR war ‚der westliche Vorposten des sozialistischen Lagers‘, wie Anastas Mikojan, der Vorsitzende des Obersten Sowjets der UdSSR, feststellte.“

Diese Grenze wurde gesichert, damit Frieden blieb. Der Frieden hielt 28 Jahre, so lange sie stand. 1993 beteiligten sich erstmals deutsche Soldaten im Rahmen der „Operation Deny Flight“ an der Überwachung des Flugverbotes über Ex-Jugoslawien, im Sommer mussten 1.800 Bundeswehrsoldaten nach Bosnien-Herzegowina, 1999 bombardierte die NATO mit deutscher Beteiligung Jugoslawien.

Was war die Alternative?

Was wäre die Alternative gewesen, wenn man die Sache 1961 hätte laufen lassen?
Unter Hinweis auf die seit 1949 angedrohte „Befreiung“ und um die instabilen Verhältnisse hätte die Bundesrepublik mit Staatsdienern einrücken können. Das wäre, da ja der Westen die Deutsche Demokratische Republik nicht anerkannte, nicht einmal Anlass gewesen, die UNO anzurufen, schließlich handelte es sich um keine Aggression, sondern um eine innerdeutsche Angelegenheit, etwa so, als wäre die Polizei Bayerns mal eben kurz in Hessen eingerückt.

Aber: Im Verständnis des Ostens war die DDR a) Völkerrechtssubjekt, b) Mitgliedsstaat des Warschauer Vertrages, in welchem der Angriff auf einen Bundesgenossen wie ein Angriff auf alle verstanden wurde (was im Übrigen auch für die NATO galt), und c) nicht zu vergessen: Das war mal sowjetische Besatzungszone. Und da es seit Ende des Weltkrieges und der Besetzung des niedergerungenen Feindes noch immer keinen Friedensvertrag gab, galten in diesem Territorium die Regeln von Potsdam fort. Kurzum: Die Sowjetunion und ihre Verbündeten hätten zurückschlagen müssen!

All diese Momente wurden erst im September 1990 ausgeräumt, als in Moskau der 2+4-Vertrag, der „Vertrag über die abschließende Regelung in Bezug auf Deutschland“, zwischen den einstigen Siegermächten und den beiden deutschen Staaten geschlossen wurde. Ohne diesen De-facto-Friedensvertrag hätte es keine deutsche Einheit gegeben. (…)

Es gibt eine Perspektive

Damit war zugleich der Versuch einer antikapitalistischen Alternative in Deutschland aus der Welt, die DDR war Geschichte. Aber mit ihr keineswegs die Vorstellung von einer anderen als der kapitalistischen Welt. Denn mit diesem Staat DDR ist ja nicht die Idee untergegangen, sondern ein bestimmtes Modell, dass den dauerhaften Angriffen des Imperialismus erlag. Und dieser Gegner zog doch nicht gegen den Sozialismus zu Felde, weil er dort den Menschen- und Freiheitsrechten, der Demokratie und was es an hohlen Phrasen sonst noch gab, zum Durchbruch verhelfen wollte, sondern weil es, wie schon immer in der Geschichte, ausschließlich um Territorien, Rohstoffe, Absatzmärkte, kurz um Profit ging. Dafür wurden Kriege geführt, darum ging es auch 1961. Der Krieg wurde seinerzeit verhindert. Weil „die deutsche Arbeiterklasse heute nicht mehr wehrlos ist, sondern über Panzer und Geschütze und alles, was zur Verteidigung notwendig ist, verfügt“, wie Ulbricht am 18. August 1961 selbstbewusst und mit allem Recht erklärte.

Heute ist die „deutsche Arbeiterklasse“ wehrlos. Sie hat weder einen Staat noch ein Bündnis. Aber sie hat eine Perspektive. Sofern sie sich ihrer Erfahrungen bewusst wird und sich diese nicht ausreden lässt.


Heinz Keßler, Fritz Streletz
Ohne die Mauer hätte es Krieg gegeben – Zeitzeugen und Dokumente geben Auskunft
240 Seiten, 12,5 x 21 cm, broschiert, aktualisierte Neuausgabe mit Abbildungen, edition ost, Eulenspiegel Verlagsgruppe, 15 Euro, zu beziehen über uzshop.de


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"Ohne die Mauer hätte es Krieg gegeben", UZ vom 6. August 2021



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