Folgen der Pandemie auch für ­Lehrkräfte gravierend

Schule im Brennpunkt

Nicht nur Schülerinnen und Schüler sind von den Folgen der Corona-Pandemie und den in diesem Zusammenhang getroffenen Maßnahmen schwer betroffen. Auch ihre Lehrerinnen und Lehrer klagen über Belastungen. Die Ergebnisse einer aktuellen Forsa-Umfrage im Auftrag der Robert-Bosch-Stiftung weisen nun nach, was zu erwarten war: Die Auswirkungen der Pandemie auf Gesundheit und Berufszufriedenheit der Lehrkräfte sind besorgniserregend. Die Umfrage, deren Ergebnisse als „deutsches Schulbarometer“ veröffentlicht wurden, zeigt auch die prekäre Lage an vielen Schulen: Lehrkräfte fehlen, die Digitalisierung ist unzureichend. „Lehrkräfte stehen enorm unter Druck“, so Dagmar Wolf von der Robert-Bosch-Stiftung, Bereichsleiterin Bildung. Für 44 Prozent der Befragten besteht ein Großteil des Unterrichts derzeit aus Krisenmanagement, das gilt vor allem für Haupt-, Real-, Gesamt- und Grundschulen.

Seit 2019 lässt die Robert-Bosch-Stiftung regelmäßig repräsentative Befragungen zur aktuellen Situation der Schulen in Deutschland durchführen. Im April dieses Jahres wurden insgesamt 1.017 Lehrkräfte allgemeinbildender und berufsbildender Schulen befragt. Schwerpunkte der Umfrage waren die Belastungen, die die Lehrkräfte erleben, sowie die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf Verhalten wie Lernstand der Schülerinnen und Schüler. So gaben 92 Prozent der befragten Lehrerinnen und Lehrer an, dass sie ihre Kolleginnen und Kollegen stark oder sehr stark belastet erleben. 84 Prozent fühlen sich selbst so. 79 Prozent arbeiten in der Regel auch am Wochenende, für 60 Prozent ist Erholung in der Freizeit kaum noch möglich, 62 Prozent fühlen sich körperlich und 46 Prozent auch mental erschöpft.

Die aktuelle Studie weist auch nach, dass die Lernrückstände der Schülerinnen und Schüler – nach Einschätzung der Lehrkräfte – weiter gewachsen sind. Viele Defizite zeigten sich offenbar erst im Laufe des Präsenzunterrichts. Die Lehrerinnen und Lehrer gehen an allgemeinbildenden Schulen davon aus, dass circa 41 Prozent ihrer Schülerinnen und Schüler deutliche Lernrückstände aufweisen – 8 Prozentpunkte mehr als noch im September 2021. 13 Prozent der Lehrkräfte schätzen sogar, dass mehr als 75 Prozent ihrer Schülerinnen und Schüler große Defizite haben. 82 Prozent berichten über einen deutlichen Anstieg von Konzentrations- und Motivationsproblemen bei ihren Schülerinnen und Schülern – im September 2023 waren es noch 67 Prozent. Auch aggressives Verhalten habe zugenommen, so 42 Prozent der Befragten Jede vierte Lehrkraft beobachtet einen Anstieg von Angststörungen. Angststörungen haben jedoch auch bei Lehrkräften zugenommen.

Trotz „Aufholprogrammen“ sind 71 Prozent der Befragten der Auffassung, dass ihre Schule einer Reihe von Schülerinnen und Schülern nicht die Unterstützung beim Lernen bieten könne, die diese bräuchten. Laut „Schulbarometer“ ist etwas mehr als jede zweite Lehrkraft der Ansicht, sie könne den Sorgen und Ängsten der Kinder und Jugendlichen nicht genügend Raum geben, was Auswirkung auf die eigene Gesundheit hat. In einem Interview mit dem „Schulportal“ erklärte die Bildungsforscherin Uta Klusmann: „Zum einen ist ein chronischer Erschöpfungszustand natürlich für die Lehrkräfte selbst sehr belastend. Zum anderen wissen wir aus anderen Studien, dass ein höherer Erschöpfungsgrad auch mit mehr Krankentagen einhergeht.“ Auch die Unterrichtsqualität könne darunter leiden.

Laut „Schulbarometer“ denken inzwischen 13 Prozent der Lehrerinnen und Lehrer, trotz – oder/und auch wegen – des Lehrkräftemangels in vielen Regionen darüber nach, im kommenden Schuljahr ihre Arbeitszeit zu reduzieren.

Über die Autorin

Nina Hager (Jahrgang 1950), Prof. Dr., ist Wissenschaftsphilosophin und Journalistin

Hager studierte von 1969 bis 1973 Physik an der Humboldt-Universität in Berlin. Nach dem Abschluss als Diplom-Physikerin wechselte sie in das Zentralinstitut für Philosophie der Akademie der Wissenschaften der DDR und arbeite bis zur Schließung des Institutes Ende 1991 im Bereich philosophische Fragen der Wissenschaftsentwicklung. Sie promovierte 1976 und verteidigte ihre Habilitationsschrift im Jahr 1987. 1989 wurde sie zur Professorin ernannt. Von 1996 bis 2006 arbeitete sie in der Erwachsenenbildung, von 2006 bis 2016 im Parteivorstand der DKP sowie für die UZ, deren Chefredakteurin Hager von 2012 bis 2016 war.

Nina Hager trat 1968 in die SED, 1992 in die DKP ein, war seit 1996 Mitglied des Parteivorstandes und von 2000 bis 2015 stellvertretende Vorsitzende der DKP.

Hager ist Mitherausgeberin, Redaktionsmitglied und Autorin der Marxistischen Blätter, Mitglied der Marx-Engels-Stiftung und Mitglied der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin.

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"Schule im Brennpunkt", UZ vom 17. Juni 2022



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