Krisenjahr 2021 beginnt mit bereits vertiefter sozialer Spaltung

Viele Verlierer, wenige Gewinner

Natürlich – wie in jeder kapitalistischen Krise gibt es auch in der jetzigen Gewinner, große, mittlere und kleine. Die Entwicklungsorganisation „Oxfam“ wies Ende Januar auf die großen hin. Das Vermögen der im Dezember zehn reichsten Männer (!) der Welt ist ihren Angaben zufolge seit Februar 2019 um fast eine halbe Billion Dollar gestiegen und hat sich damit in diesem Zeitraum nahezu verdoppelt. Tesla-Eigentümer Elon Musk konnte ein Plus von 131 Milliarden Dollar verbuchen, Amazon-König Jeff Bezos 60 Milliarden, Dieter Schwarz, für den unter anderem die Verkäuferinnen bei Lidl und Kaufland schuften, gut 14 Milliarden. Zur mittleren Schicht der Krisengewinnler gehören diejenigen, die – zum Teil als Lieferanten für Amazon – Millionen von Haushalten in Europa und Nordamerika mit Elektrogeräten versorgen. „Home-Schooling“ und „Home-Office“ erfordern (meist auf private Rechnung) eine enorme technische Aufrüstung.

Von Oktober bis Dezember sind, so berichtete kürzlich die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (FAZ), auf der ganzen Welt 26 Prozent mehr Heimcomputer verkauft worden als im entsprechenden Quartal des Vorjahres. Ähnlich sieht es bei Druckern aus. Die Einnahmen bei den entsprechenden Herstellern dürften noch über diesen Werten liegen, weil mit der Nachfrage auch die Preise solcher Geräte um häufig bis zu einem Drittel gestiegen sind. Um das Bild der Gewinner ohne jeden Anspruch auf Vollständigkeit abzurunden: Ohne Millionen oder gar Milliarden zu scheffeln, verzeichnen auch die Psychotherapeuten eine Belebung ihres Geschäfts. Laut einer Umfrage der Krankenkasse Pronova-BKK nahmen die Terminanfragen bei Psychiatern und Psychotherapeuten im Oktober um 45 Prozent gegenüber dem Vorjahr zu. 90 Prozent der Angehörigen dieser Berufsgruppe haben jetzt mehr Patientinnen und Patienten als am Beginn der sogenannten Corona-Krise. Der Bundesvorsitzende der Deutschen Psychotherapeuten-Vereinigung, Gebhard Hentschel, wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass vor allem Alleinerziehende, aber auch Eltern mit Kindern unter der Doppelbelastung aus Home-Office und Home-Schooling litten und immer häufiger ohne Hilfe nicht mehr weiter wüssten.

Damit wären wir bei den Verlierern dieser Krise. Die größten Verlierer sind bekannt: Das sind all diejenigen, die in den Bereichen Gastronomie, Touristik, Verkehrswesen, Einzelhandel oder auch der gesamten Veranstaltungsindustrie arbeiten. Sie standen schon vor der Krise am unteren Ende der Gehaltsskala – häufig knapp über oder aufgrund fehlender Kontrolle auch unter dem gesetzlichen Mindestlohn. Tarifliche Aufstockungsvereinbarungen des Kurzarbeitergeldes, von dem sie nun schon monatelang leben müssen, sind dort eher die Ausnahme als die Regel. Bei diesen Menschen schnürt sich gegenwärtig jeden Monat der Gürtel um ein Loch weiter zu. Die Zukunft für diese und andere Lohnabhängige verdüstert sich weiter. Das regierungsamtliche Pfeifen im Walde, das mutmachend einen baldigen und heftigen Aufschwung ankündigen sollte, ist leiser geworden. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmeier räumte am 27. Januar bei der Vorstellung des Jahreswirtschaftsberichts ein, dass die früheren Hoffnungen, im Jahre 2021 werde die Wirtschaftsleistung wieder so hoch sein wie vor der Krise, sich erledigt hätten – das werde nun für „Mitte 2022“ erwartet. Die Wachstumsprognosen für dieses Jahr strich die Regierung von 4,4 auf nun 3 Prozent – mit Luft nach unten.

Das Virus für all das verantwortlich zu machen, führt in die Irre – die energischen Maßnahmen beispielsweise in China oder Vietnam haben bekanntlich dazu geführt, dass seit Sommer dort die Fabriken wieder normal arbeiten und die Schulen wieder voll sind. „Home-Schooling“ war dort aufgrund der anderen politischen Herangehensweise, die eine nicht vor allem auf dem Privateigentum an Produktionsmitteln aufbauende Gesellschaftsordnung ermöglicht, nur eine Episode. Hier aber wird aus einer Episode mehr und mehr ein Dauerzustand am Beginn der düsteren 20er Jahre.

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"Viele Verlierer, wenige Gewinner", UZ vom 5. Februar 2021



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