Wahn und Wirklichkeit

Der BvB, RB und 237 Polizisten
Von Karl Rehnagel
|    Ausgabe vom 17. Februar 2017
So sieht sie aus, die gelbe Gefahr: Südtribune Westfalenstadion, Dortmund. (Foto: [url=https://www.flickr.com/photos/asiajoanna/8259521788] Asia Joanna[/url])
So sieht sie aus, die gelbe Gefahr: Südtribune Westfalenstadion, Dortmund. (Foto: Asia Joanna / Lizenz: CC BY-ND 2.0)

Wir, die Freunde und Anhänger des BvB, sind über Nacht zu hirnrissigen Gewalttätern geworden. Und zwar alle und ausnahmslos. Die gelbe Wand heißt neuerdings „Wand der Schande“ und Dortmund befindet sich „im Bürgerkrieg“.
Was war passiert? Was auf Bildern und Videos zu sehen ist: 100–120 Dortmunder Idioten, die pöbeln, schreien, Finger zeigen und sich allgemein mehr wie besoffene Affen denn als Menschen gebärden. Was auch zu sehen ist: ein gezielter Flaschenwurf und mindestens eine fliegende Kiste oder Mülleimer. Man sieht einen Anhänger der Leipziger böse zu Boden gehen und mindestens einen mit einer blutenden Wunde. Das ist Scheiße, Schwachsinn und nicht zu entschuldigen.
Was allerdings definitiv NICHT zu sehen ist: „400 Chaoten“ (BILD), „Steinwürfe auf kleine Kinder, Frauen oder Familien.“ (Polizei Dortmund), „Völlig enthemmte Hassfratzen“ (RP) oder wahlweise ein „völlig enthemmter Mob“ (Polizei Dortmund, von so ziemlich jeder Zeitung übernommen). Von „bürgerkriegsähnlichen Zuständen“ konnte man am Dienstag allen Ernstes im Weser-Kurier und in der Augsburger Allgemeinen lesen. Und Fan-Forscher Gunter A. Pilz spricht direkt mal ungebremst von „einer neuen Dimension der Gewalt“. Dicht gefolgt von Innenminister Thomas de Maizière, der fordert „eine schnelle und harte Reaktion der Justiz, damit alle wissen, was ihnen droht, wenn man sich so verhält“. In den Zeiten von Internet-Klicks und Schlagzeilen-Kicks sind markige Worte – und seien sie noch so dumm oder schlicht falsch – allemal wichtiger als Inhalte.
Jeder, der mal ein Derby gegen Schalke miterlebt hat, weiß was Hass bedeutet. Das Fan-Projekt Dortmund e. V. dazu: „Festzuhalten gilt, dass es sich am Samstag (gegen RB Leipzig) um keine reine Ansammlung von Ul­tras handelte. Auch dass es sich um eine neue, nie da gewesene Eskalation der Gewalt handelt können wir so nicht teilen. Da gab es beispielsweise in den letzten Jahren rund um die Revierderbys ein – leider – deutlich höheres Gewaltaufkommen.“
Der Polizeieinsatzleiter Edzard Freyhoff, Dortmunds Polizeidirektor: „Solche Bilder, in solche hasserfüllten Fratzen habe ich noch in keinem meiner Polizeieinsätze gesehen – ich bin schockiert!“ (WAZ). Das kann vielleicht auch daran liegen, dass sich Freyhoff und sein Chef Gregor Lange um das wirkliche Problem in Dortmund, nämlich völlig enthemmte Neonazis, überhaupt nicht kümmert. Da könnte er hasserfüllte Fratzen sehr wohl sehen.
237 Polizeibeamte sind beim Spiel BvB gegen RB im Einsatz gewesen. 237! Wobei selbst jedem Nicht-Fussballfan klar sein sollte und müsste, dass es einen bundesweiten Protest und auch bundesweiten Hass auf dieses „Projekt“ namens Rasenballsport Leipzig gibt. 237 – bei einem Revierderby zwischen Dortmund und Schalke sind immer rund 1 500 Beamte im Einsatz.
Das ist nicht nur komplettes Versagen der Dortmunder Polizeiführung, es riecht gar nach einer Absicht, die lange schwelenden Konflikte zwischen Polizei und Dortmunder Ultraszene absichtlich zur Kernschmelze zu bringen. Und damit ist mitnichten nur der – gottseidank recht kleine – Teil der Nazis und Hools von „0231 Riot“ gemeint, sondern der große Teil der unpolitischen bis teilweise antirassistischen Ultraszene.
Was hier (auch) medial passiert, ist irgendwo zwischen Hysterie und Schwachsinn angesiedelt. Wie es richtig geht, schreibt einmal mehr das Fan-Projekt Dortmund e. V.: „Bei aller emotionalen Aufgeladenheit bedarf es den Anspruch einer sachlichen, kritischen und zielführenden Aufarbeitung der Ereignisse. Reflexartige Reaktionen und überzogene Forderungen, teils populistisch und hysterisch verfasst, der Medien oder von Personen in Führungspositionen, verfehlen dagegen häufig diesen Anspruch“.
Die Frage bleibt nur: Ist irgendjemand von den politischen und medialen Scharfmachern überhaupt an einer kritischen Aufarbeitung interessiert? Es spricht eigentlich so ziemlich alles dagegen. Alternative Fakten, hysterisches Geschrei, populistische Meinungsmache – so wird Politik heute gemacht. Aber nicht mit mir und auch nicht mit dem Großteil der Dortmunder Fans, wenn man den Fanforen glauben darf. Und ich lass mir auch meine Meinung nicht nehmen, nur weil ein paar Hohlbirnen auf Koks Flaschen auf Gästefans werfen (welches – siehe oben – ja leicht zu verhindern gewesen wäre): Ich finde das Konstrukt „Red Bull Leipzig“ zum Kotzen. Und jeden gewaltfreien Protest dagegen ganz hervorragend. Punkt.


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Leserbrief zu »Wahn und Wirklichkeit«, UZ vom 17. Februar 2017





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