Nach der Demo ist vor der Räumung

Auf Biegen und Brechen

Seit Wochen kampieren Umwelt-Aktivistinnen und Aktivisten im Dannenröder Forst und in umliegenden Wäldern. Nach dem Plan der schwarz-grünen Landesregierung in Hessen soll der Baumbestand einer Autobahn weichen. Die Autobahn-Gegner versuchen, die Rodungen trotz massiver Polizeigewalt zu verhindern. Vorletztes Wochenende demonstrierten über 5.000 Menschen für den Erhalt der Wälder. UZ sprach mit Momo vom Presseteam der Aktivistinnen und Aktivisten.

UZ: Warum wollt ihr den Autobahnausbau verhindern? Welche Rolle spielt da der Dannenröder Forst?

Momo: Für uns geht es in erster Linie um Klimagerechtigkeit und um die Welt von morgen. Der Dannenröder Forst ist ein Kristallisationspunkt der Radikalen und Klima-Linken, wo wir aktiv dieses neue Bauvorhaben aufhalten werden und für eine Verkehrswende streiten. Diese Autobahn fährt komplett am 1,5-Grad-Ziel vorbei. Wir wollen damit ein öffentliches Interesse für die ganze Situation erzeugen.

UZ: Wie verhält sich die Polizei gegenüber euch?

Momo: Die Polizei sagte, sie gehe besonnen und vorsichtig vor. Das ist mittlerweile nicht mehr so, sondern die Polizei bringt Menschenleben in Gefahr. Sie ziehen einfach ab, während noch Aktivisten in den Bäumen hängen und Fällarbeiten vor sich gehen. So geschehen im Maulbacher Wald, wo die Aktivisten traumatisiert zurückgekommen sind. Gleichzeitig sperren sie die Sicherheitsbereiche ab und Aktivisten – aber auch parlamentarische Beobachter und Journalisten – kommen nicht mehr dorthin. Im Herrenloswald kam es zur Konfrontation zwischen Polizei und Aktivistinnen und Aktivisten von „Fridays for Future“, wo die Polizei mit Schlagstöcken und Tritten versucht hat, deren Demo auf Biegen und Brechen aufzuhalten. Mit diesem brutalen Polizeieinsatz ist es ihnen dann auch geglückt.

UZ: Wie reagiert die Bevölkerung vor Ort auf eure Proteste. Gab es da Unterstützung oder eher Feindseligkeiten?

Momo: Für viele Leute – vor allem aus der Landwirtschaft – stellt die Autobahn eine Existenzgefahr dar. Viele Leute vor Ort unterstützen uns aktiv und seit Beginn der Besetzung. Es gibt natürlich auch Menschen, die die Autobahn befürworten, weil sie hoffen, dass das Verkehrsaufkommen, das jetzt über die Bundesstraßen läuft, sich damit verringert. Das ist aber Augenwischerei – mehr Straßen bringen mehr Verkehr. Zudem sind die Kleinstädte hier in der Region nicht an die Autobahn angeschlossen. Als weiteres Argument wird genannt, dass die Autobahn 50.000 neue Arbeitsplätze schaffen soll. Aber das Paradoxon ist ja, wenn eine Autobahn da ist, kommt es zur Metropolisierung, sprich die Leute fahren nicht mehr in die nächste Kleinstadt zum Einkaufen, sondern gleich in das Einkaufszentrum zum Beispiel in Kassel.

UZ: Wie läuft ein Tag im Wald ab? Wer protestiert eigentlich im Wald?

Momo: Der Wald ist eine Aktionsplattform, das heißt, wir haben hier keine einheitlichen Strukturen. Ich würde sagen, ein breites gesellschaftliches Bündnis von zivilem Ungehorsam bis hin zu militanten Aktivistinnen und Aktivisten steht hier für Klimagerechtigkeit. Ein Tag im Wald ist mehr oder weniger wie ein normaler, aber selbstbestimmter Arbeitstag – du stehst auf, baust an der Besetzung mit oder kümmerst dich um reproduktive Arbeit, und am Abend setzt man sich zusammen und trinkt noch einen Tee, bevor man schlafen geht.

UZ: Die Grünen protestieren mit und sind gleichzeitig verantwortlich in der Landesregierung für den Ausbau der Autobahn. Wie seht ihr das?

Momo: Die Bundesebene der Grünen sagt, wir sind gegen die Autobahn und wollen, dass das Verkehrsprojekt eingestellt wird. Hier in Hessen sagen die Grünen dasselbe, haben aber einstimmig pro A49 gestimmt, denn das sei ja Recht und Ordnung. Sie erkennen dabei nicht, dass sie eine Partei sind, die auf eine existierende Bewegung aufbaut und genauso schnell es sich mit jeder verscherzen kann. Solange die Grünen nicht die Koalition mit der CDU in Hessen platzen lassen und Grün geleitete Polizisten auf die eigene Bewegung einprügeln, ist es nichts weiter als ein Lippenbekenntnis. Das ist eine Bewährungsprobe für die Grünen. Die Partei muss Stellung beziehen und sagen: Ja, wir sind eine grüne Partei und wir stehen hinter der Bewegung. Oder sie muss sagen: Ja, wir verraten unsere Werte. Damit wäre sie für die Bewegung nicht mehr tragbar und ihre Herrschaftslegitimation wäre dahin.

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Über den Autor

Christoph Hentschel (Jahrgang 1980) ist Politikwissenschaftler und Redakteur für „Politik“. Er arbeitet seit 2017 bei der Zeitung der DKP.

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"Auf Biegen und Brechen", UZ vom 16. Oktober 2020



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