Schule, Chancen, Freiheit: Ein Lehrer an einer Potsdamer Brennpunktschule über das Leben in der DDR und heute

„Da kann ein Lehrer verzweifeln“

NVA-Offizier wollte er doch nicht werden – was dann kam, „war nicht nett“: Heinz M., Jahrgang 1963, hat die DDR nicht als Paradies erlebt. Studieren konnte er am Ende trotzdem, damals sei niemand fallengelassen worden. Heute unterrichtet er Kinder aus armen Familien. Im Gespräch mit UZ berichtet er, warum ein Lehrer am kapitalistischen Alltag verzweifeln kann.

UZ: Angeblich war die DDR eine Mangelwirtschaft. Woran hat es dir in der DDR gemangelt?

Heinz M.: Das ist doch eine Frage der Prioritäten: Was ist wirklich wichtig im Leben? Das Konsumieren, das heute so wichtig ist, war damals nur eingeschränkt möglich, insofern war es eine Mangelwirtschaft. Aber viele Dinge, die das menschliche Leben betreffen, waren nicht mangelhaft, sondern auf die Gesellschaft ausgerichtet. Das sage ich aus den Erfahrungen, die ich in der DDR und BRD gesammelt habe.

Dass in der DDR bestimmte Konsumgüter knapp waren, lag ja auch an den Sanktionen und Boykotten. Zum Beispiel haben wir in dem Betrieb, in dem ich meine erste Ausbildung zum Werkzeugmacher gemacht habe, viele gute Sachen hergestellt. Aber manche Materialien hätten wir im Westen kaufen müssen, zum Beispiel eine bestimmte Plaste, konnten wir aber nicht, weil wir boykottiert worden sind – in einer sogenannten freien Marktwirtschaft. Zu sagen: In der DDR, die hatten nichts, das stimmt ja nicht.

Auch beim Pädagogischen gibt es eine Diskrepanz zwischen Ost und West. In der DDR wurde viel Wert auf das Gemeinschaftliche gelegt, manchmal auch zu viel. Im Westen ist nur das Individuelle gesehen worden. In der DDR hätte der Fehler beseitigt werden können, wenn es mehr Spielräume für die individuelle Entwicklung gegeben hätte. Heute sind zwar die Geschäfte voll, aber der Mangel in den menschlichen Beziehungen ist größer.

UZ: Worin besteht dieser Mangel?

Heinz M.: Es war doch die Solidarität, die Gemeinschaft, die den Menschen aus dem Tierreich herausgebracht hat, das macht das Menschliche aus. Aber heute geht es allein ums Individuelle. Und dann sagen irgendwelche Politiker im Fernsehen: „Wir müssen zusammenhalten“. Das können sie sich sonst wo hinstecken. Man braucht doch nur in die Krankenhäuser schauen, an gegenseitiger Hilfe und Solidarität, am Menschlichen gibt es heute einen großen Mangel. Das äußert sich auch in der Bildung: Heute selektieren die Schulen nach Nützlichkeit.

UZ: Du kommst aus einer kinderreichen Arbeiterfamilie, heute unterrichtest du Kinder aus solchen Familien. An welchen Punkten haben die Kinder und Jugendlichen es heute besser als du es damals hattest?

Heinz M.: Die Technik hat in den letzten 40 Jahren natürlich Fortschritte gemacht, Computer sind billiger und leichter zu haben, die Digitalisierung macht vieles einfacher. Viele materielle Dinge gibt es heute mehr als zu DDR-Zeiten. In der DDR wurde eben mehr Wert darauf gelegt, die Dinge so zu verteilen, dass sie allen zugute kommen. Da war auch für Leute mit Geld nicht alles im Überfluss vorhanden.

Allein im Home-Schooling: Auch in der zweiten Pandemiewelle sind weder Lehrer noch Schüler ausreichend auf den Online-Unterricht vorbereitet

UZ: Haben die Kinder und Jugendlichen es heute insgesamt besser als du damals?

Heinz M.: Nein, auf keinen Fall. Auch nicht die Schüler an Gymnasien, denen es relativ gut geht – die erleben ja auch diesen ständigen Druck, die Selektion im Klassenraum, den Kampf der Starken gegen die Schwachen. Sicher ist das an der Schule weniger stark als später im Arbeitsleben, aber auch dort herrscht das Ellenbogendenken – zum Beispiel, wenn es darum geht: „Mit besseren Noten habe ich bessere Chancen als die anderen.“

Ich bin nicht an einem Gymnasium tätig, an unserer Oberschule kommen die Schülerinnen und Schüler aus Potsdam-Stern, Schlaatz, Waldstadt oder Drewitz. Das sind die ehemaligen Neubaugebiete der DDR, also Plattenbauten – teilweise sogar unsaniert. Die Mieten dort sind niedriger als in der Innenstadt, da wohnen viele Geringverdiener, Akademiker habe ich da noch nicht erlebt. Viele der Eltern haben Probleme, kämpfen darum, ihren Lebensunterhalt zu sichern, oft sind die familiären Verhältnisse gestört, die können sich nicht so intensiv um die Förderung der Kinder kümmern. Wenn da mal ein Kind ist, das sich hocharbeiten will, wird es daran gehindert, weil die gesellschaftlichen Umstände es nicht zulassen.

Ich hatte eine Schülerin in der 8. Klasse mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Die hat mir gesagt: Sie möchte mit a und b rechnen, also mit Variablen. In der 10. Klasse hat sie es geschafft, aus dem Förderstatus rauszukommen, in der Matheprüfung hat sie eine 1 geschrieben. Sie hat sich dann auf eine Ausbildung als Friseurin beworben. Von den 300 Euro Ausbildungsvergütung, die sie bekommen hat, musste sie 150 Euro ans Jobcenter abgeben – Bedarfsgemeinschaft mit der Mutter, die Hartz IV bezogen hat. Da fragst du dich, warum erzählst du dem Kind, du kannst etwas erreichen? Die hat sich Mühe gegeben, hat den Sprung von der Förderschülerin zur Regelschülerin geschafft. Diese Jugendlichen bleiben da, wo sie herkommen. Da kann man als Lehrer verzweifeln.

UZ: Wegen der Pandemie musstet ihr auf Online-Unterricht umstellen. War deine Schule darauf vorbereitet?

Heinz M.: Seit vergangener Woche gibt es wieder Distanzlernen. Die Abschlussklasse ist entweder im Praktikum oder wird in Präsenz unterrichtet, die Klassen 7 bis 9 auf Distanz. Die bekommen über eine Cloud Lernmaterialien zur Verfügung gestellt, um sie abzuarbeiten – wenn sie denn die nötige Internetverbindung und die nötigen Geräte haben. Nicht alle haben einen Computer zu Hause. Ein großer Teil hat nur das Handy und die Internetverbindung reicht nicht immer. Nur 50 bis 60 Prozent der Schülerinnen und Schüler haben zuhause Zugang zu einem Computer, um zu arbeiten. Das heißt auch, dass ich während des Distanzlernens nur wenig Rückmeldung von den Schülern bekomme.

UZ: Hat die Schule denn die technischen Voraussetzungen, um online zu unterrichten?

Heinz M.: Definitiv nicht. Bei uns ist die Schul-Cloud des Hasso-Plattner-Instituts (HPI) eingeführt worden. Das ist schon eine feine Sache, da kann man nicht meckern. Das Problem ist, wie die Arbeit damit im Schulsystem organisiert ist. Ich bin als Verantwortlicher an den Vorbereitungen dafür an unserer Schule beteiligt – es ist ziemlich kompliziert, das ans Laufen zu bringen. Die Cloud selbst ist in Ordnung, die stellt auch eine Art Stundenplan zur Verfügung, aber die Voraussetzungen fehlen – je kleiner die Kinder sind, umso schwieriger wird es.

Um mit dieser Cloud zu arbeiten, brauchen Lehrer und Schüler eine Mail­adresse, das ist die Grundlage für die Kommunikation. Und bis zum Alter von 14 Jahren brauchen die Schüler dafür noch eine Einwilligung der Eltern. Diese Mailadressen waren einfach nicht vorhanden. Inzwischen haben bei uns vielleicht 300 von 450 ein Adresse. Aber von denen sind nur 95 angemeldet und benutzbar. Das heißt: Wenn die Lehrer ihre Kurse über die Cloud einrichten, erreichen sie einen großen Teil der Schüler nicht.

Es gibt noch eine zweite Plattform, auf der werden einfach Wochenpläne zum Herunterladen eingestellt, damit die Schüler die selbstständig bearbeiten. Das funktioniert aber nicht.

UZ: Sind die Lehrer dafür ausgebildet, mit solchen digitalen Werkzeugen zu arbeiten?

Heinz M.: Immerhin sind inzwischen alle Lehrer auf der Cloud angemeldet. Eine Weiterbildung zur Arbeit damit gibt es erst im Januar. Die HPI-Cloud bietet den Lehrern zwar auch die Möglichkeit, sich selbst für die Arbeit damit weiterzubilden – aber neben dem Schulalltag, wenn man nicht Computer-affin ist, ist das schwierig. Manche Kollegen haben keinen Bezug zu digitalen Werkzeugen, gerade ältere Lehrer haben Schwierigkeiten – aber eine Weiterbildung hat kaum stattgefunden.

UZ: Haben die Jugendlichen heute nicht zumindest mehr Freiheit, ihren Beruf selbst zu wählen?

Heinz M.: Das ist wohl wahr. Und was wählen sie alle? Mechatroniker oder Kosmetikerin. Diese Berufe sind dann total überlaufen. Der koordinierte Einsatz für wichtige Bereiche findet nicht statt. Schick, dass es heute so eine freie Wahl gibt. In der DDR sind wir in unserer Berufsausbildung gelenkt worden. Heute wird hundertmal dasselbe ausgebildet, aber man kann doch nicht hundert Nagelstudios aufmachen, wo drei genug sind. In anderen Bereichen fehlen die ausgebildeten Kräfte.

UZ: Du wolltest schon früh Lehrer werden. Konntest du das in der DDR selbst entscheiden?

Heinz M.: Nein – zuerst, in der 8. Klasse, habe ich mich für den Beruf eines Offiziers in der Nationalen Volksarmee entschieden, ich war Offiziersbewerber. Später, in der 10. Klasse, habe ich entschieden, dass ich lieber Mathelehrer als Offizier werden wollte. Für mich war eigentlich eine Ausbildung für Datenverwaltung und Büromaschinen vorgesehen, diese Ausbildung konnte ich nicht fortsetzen, nachdem ich gesagt habe, dass ich Lehrer werden will.

Was dann kam, war nicht nett – aber ich wurde nicht fallengelassen. Ich habe dann Werkzeugmacher gelernt. Ein ganzes Jahr lang bin ich nicht gut behandelt worden. Nach der Ausbildung bin ich drei Jahre zur Armee gegangen, dann konnte ich studieren.

Es wird immer gesagt, wir seien in der DDR immer nur unterdrückt worden, wenn man einmal in einen Konflikt gekommen ist, sei das Leben zu Ende gewesen. Aber damals ist keiner fallengelassen worden. Es gab immer noch eine Chance, eine Berufsausbildung zu machen. Für mich war das ausschlaggebend – im dritten Anlauf konnte ich meine Lehrerausbildung beginnen.

Das erste, was wir in der Lehrerausbildung gelernt haben, war: Es geht nicht nur um Bildung, sondern auch um Erziehung. Heute werden die Schüler nur zugeschüttet: Sachkompetenz, Methodenkompetenz – soziale Kompetenzen werden vernachlässigt.

UZ: Du konntest als Arbeiterkind studieren. Wie viele deiner Schülerinnen und Schüler sehen sich einmal als Studierende?

Heinz M.: Ganz ehrlich: Ich sehe keinen an der Uni. Vor sieben Jahren habe ich an dieser Schule angefangen, da gab es ein paar, die sind auf eine Gesamtschule gewechselt und haben Abi gemacht. Aber das hat es schon länger nicht mehr gegeben. Fachoberschulreife, das schaffen manche. Aber Abi, das ist unwahrscheinlich.

Die Klientel, die wir haben, kommt aus den unteren 25 Prozent der Bevölkerung, Menschen, die wirklich abgehängt sind. Das sind die Schüler, die man an den Oberschulen in den großen Städten hat. Natürlich gibt es 75 Prozent, denen es besser geht, und es gibt die kleine Elite. Meine Kinder waren am Gymnasium, daher weiß ich, wie krass die Unterschiede im Schulsystem selbst innerhalb einer Stadt sind.

UZ: Sind deine Schülerinnen und Schüler überhaupt motiviert, etwas zu lernen?

Heinz M.: Was könnte sie denn motivieren? Einen Abschluss machen, um einen Beruf zu lernen und Geld zu verdienen, das wollen die schon. Die finanziellen Mittel sind das hauptsächliche Ziel. Außerdem läuft die Motivation darüber, dass man den Eltern Druck macht: Die haben dann Angst, dass das Jugendamt sich einmischt. Wenn die Kinder nicht in die Schule kommen, wird Druck gemacht. Es gibt schon welche, die wollen eine Berufsausbildung schaffen.

UZ: Angeblich gehört zur Freiheit des Kapitalismus, dass man es selbst in der Hand hat, sich den gesellschaftlichen Aufstieg zu erarbeiten. Sind die Aufstiegsmöglichkeiten heute größer als sie es in der DDR waren?

Heinz M.: Nein, sind sie definitiv nicht. Das hängt doch von den Rahmenbedingungen ab. Das fängt ja schon damit an, dass sich die Eltern keinen Nachhilfeunterricht leisten können. Oder dabei, dass die Schüler überhaupt keine Möglichkeit haben, etwas von der Welt zu sehen – die kommen ja nicht rum. Ich kenne Klassen, da waren nur zwei oder drei Schüler schon mal im Urlaub im Ausland.

Die Aufstiegsmöglichkeiten in der DDR waren unabhängig vom Einkommen. Arbeiter wurden bevorzugt, Arbeiterkinder wurden bei entsprechenden Leistungen eher genommen als Akademikerkinder. Ich habe, wie gesagt, zuerst einen anderen Beruf gelernt, dann konnte ich Abitur machen und Lehrer werden – das sind die Aufstiegsmöglichkeiten, die ich hatte.

In den Betrieben hat es ja auch ganz anders ausgesehen. Hier herrscht angeblich Meinungsfreiheit, aber im Betrieb kann man kein Wort sagen. In der DDR war es umgekehrt: Wenn es irgendwo Schludrian gab, wenn Dinge nicht ordentlich liefen, dann konnte man das sagen, dann wurde das vom Meister, vom Parteisekretär oder vom Gewerkschaftsvorsitzenden aufgenommen. Draußen war es schwieriger, eine unangenehme politische Meinung zu vertreten. Aber im Betrieb, da war die Meinungsfreiheit größer, als sie heute ist. Das hat sich zum Beispiel in der Neuererbewegung gezeigt: Es wurde viel Wert darauf gelegt, dass die Mitarbeiter Erfindungen machen und Verbesserungen vorschlagen. Das wäre so heute undenkbar. In der DDR war die entscheidende Rahmenbedingung das Volkseigentum, leider haben wir das zu spät begriffen.

Heute ist es kein Problem, zu demonstrieren. Jeder darf eine große Fresse haben und irgendeinen rechten Mist herausposaunen. Links sein ist schwieriger, das ist dann gleich extremistisch. Ich will die DDR nicht idealisieren. Aber für mich ist es heute im Kapitalismus menschlich gesehen wesentlich unangenehmer, als es in der DDR je war.

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"„Da kann ein Lehrer verzweifeln“", UZ vom 24. Dezember 2020



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