Stihl verzeichnet hohe Zuwächse durch „Corona-Krise“

Der König der Motorsägen

Südwestmetall gehört zu den stärksten Unternehmerverbänden in Deutschland. In Baden-Württemberg sitzt die Automobilindustrie mit Firmen wie Porsche, Daimler, Bosch oder Mahle, die derzeit lauthals über wirtschaftliche Schwierigkeiten klagen und Arbeitsplätze abbauen, obwohl sie volle „Kriegskassen“ haben und mit direkten und indirekten Zuschüssen aus Steuertöpfen gefüttert werden. Sie alle sind im Vorstand von Südwestmetall vertreten. Analog zu den anderen Tarifbezirken hat das Kapital auch hier verkünden lassen: „Mehr Geld kommt überhaupt nicht in Frage. Alles andere würde die Beschäftigung gefährden.“ So hat Daimler-Personalvorstand Wilfried Porth es formuliert, der den Posten an der Spitze von Südwestmetall Ende November übernommen hat.

Neben den Firmen der Autoindustrie sitzen bei Südwestmetall auch Damen und Herren, die von der Krise –egal ob allgemein oder Corona – nicht betroffen sind und deren Geschäfte blendend laufen. Dazu gehören zum Beispiel Aesculap (Medizintechnik) aus Tuttlingen, Caterpillar Energy Solutions (ehemals Deutz / Grüne Energieversorgung) aus Mannheim, Rosenbauer (Feuerwehrtechnik) aus Karlsruhe oder die Stihl AG aus Waiblingen.

Es gibt wohl nur wenige Menschen in Deutschland, die den Namen Stihl nicht kennen – der Name steht für Kettensägen. Die Kolleginnen und Kollegen, die diese Kettensägen bauen, sind zu recht stolz auf ihre Arbeit. Auch ihr Chef Bertram Kandziora wirkte stolz, als er gegenüber dem „Handelsblatt“ verkündete: „Der Motorsägenhersteller Stihl verzeichnet im Corona-Jahr starke Zuwächse. Wir werden 2020 erstmals seit neun Jahren zweistellig beim Umsatz zulegen.“ Stihl habe erstmals über vier Milliarden Euro Umsatz erzielt und diese Rekordmarke bereits im November übertroffen. Kandziora geht davon aus, dass „viele Menschen in der Pandemie oft zu Hause waren und in ihren Gärten gearbeitet haben“. So sei der Nachfrageboom zu erklären. Davon profitiere auch der Arbeitsmarkt: „Die Belegschaft ist um mehr als 1.000 auf weltweit über 18.000 Beschäftigte gestiegen.“ Ein Erfolg, der also nicht trotz, sondern wegen Corona zustande gekommen ist. Statt die Produktion mit Kurzarbeit herunterzufahren, hatte sich Kandziora Anfang März dazu entschlossen, weiter arbeiten zu lassen, Zulieferungen zu forcieren und Lager zu füllen, um in jedem Fall lieferfähig zu bleiben. „Mit einer Eigenkapitalquote von 70 Prozent haben wir Spielraum, Sonderbelastungen zu verkraften“, so der Stihl-Chef. Das Unternehmen zahlt nach Tarif und hat die Auszubildenden stets übernommen. In den Schoß gefallen ist den Kolleginnen und Kollegen von Stihl dies aber nicht. Sie mussten dafür kämpfen und auch auf die Straße gehen, wie Ex-Lehrling Tobias auf der Homepage der IG Metall berichtet.

Der Name Stihl ist in den Verbänden der Metallunternehmer bekannt. Ab 1981 war Hans Peter Stihl Vizepräsident von Gesamtmetall und galt als knallharter Verhandlungsführer. Auch die Beziehungen in die Politik sind vorzüglich. 1982 erhielt Stihl senior aus der Hand von Lothar Späth das Bundesverdienstkreuz. 2004 traf sich der Stihl-Clan mit Bundeskanzler Gerhard Schröder. Solche Beziehungen werden genutzt. 2012 drohte Stihl im Gespräch mit den „Stuttgarter Nachrichten“ mit der Verlagerung von Arbeitsplätzen, sollte sich die Politik im Land nicht ändern. Winfried Kretschmann (Grüne), der kurz zuvor zum Ministerpräsidenten gewählt worden war, nahm die Warnungen ernst. Und bevor beim eigenen Kapital „etwas anbrennt“, verschenkt man in der Familie Stihl die Firmenanteile an die nachkommende Generation, um Belastungen durch die geplante Erbschaftsteuer-Neuregelung zu umgehen, wie die „Stuttgarter Nachrichten“ berichteten. „Wir sind eine verschworene Gemeinschaft“, zitiert die Zeitung Stihl-Junior Nikolas.

Gegen solche „verschworenen Gemeinschaften“ hilft kein Leisetreten und erst recht kein Liebäugeln mit Nullrunden. Das Kapital lässt sich nicht gnädig stimmen, sondern nur durch eine lautstarke Antwort auf der Straße maßregeln. Egal ob Stihl, Bosch, Daimler und wie sie alle heißen – sie dürfen mit ihrem vermeintlich urschwäbischen „Mir gäbet nix!“ – für die Nichtschwaben: „Wir geben nichts!“ – nicht durchkommen.


Das Kapital im Blick

„Es gibt nichts zu verteilen in unserer Industrie“ – mit dieser Ansage von Gesamtmetall-Präsident Stefan Wolf geht das Kapital in die Verhandlungen zur Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie. Die Forderungen der IG Metall fielen „völlig aus der Zeit“, so Wolf. Schließlich herrschten Corona und Krise, es gebe Produktionsrückgänge und steigende Arbeitskosten.

Unser Autor Stefan Kühner hinterfragt diese Aussagen und schaut konkret, wie es um die Unternehmen der Metall- und Elektrobranche bestellt ist. Bisher sind in der Reihe erschienen: „Bei Daimler läuft es“ (UZ vom 5. Februar) und „Von der Krise hart getroffen?“ zum Lürssen-Konzern (UZ vom 29. Januar).

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"Der König der Motorsägen", UZ vom 12. Februar 2021



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