„Hessenschau“ deckt auf: Kommunisten steuern Schulstreiks und kontrollieren 50.000 Jugendliche

Die Rote Angst geht um

Wer glaubt, dass es in Deutschland keine echten Journalisten mehr gäbe, kennt Volker Siefert nicht. Denn der Reporter des „Hessischen Rundfunks“ steht kurz davor, die bolschewistische Weltverschwörung aufzudecken. Und das gerade zur rechten Zeit. Schon seine Vorgänger im Geiste wussten schließlich: Wo die Heimatfront bröckelt, ist die rote Gefahr nicht weit.

Am lautesten bröckelt die Kriegsbereitschaft derzeit in der Schülerschaft. Schon zum zweiten Mal streikten in diesem Jahr bundesweit mehr als 50.000 Schülerinnen und Schüler in über 150 Städten gegen die geplante Wiedereinführung der Wehrpflicht. Auf ihren Plakaten, in ihren Reden und Sprechchören machten sie deutlich, dass sie nicht beabsichtigen, sich für diesen Staat erschießen zu lassen. „Merz, stirb doch selbst an der Ostfront“, brachte es ein Schüler auf den Punkt – und wurde direkt von der Polizei festgesetzt.

Wer aber bringt die Jugend auf solch verrückte Ideen? Wer pfuscht am Gehorsam herum und verleidet den jungen Menschen den Heldentod? Die Kommunisten sind es, weiß Siefert, und ist empört: Die „Deutsche Kommunistische Partei und ihre Jugendorganisation SDAJ“ würden „maßgeblich auf das bundesweite Netzwerk einwirken“, heißt es in seinem Beitrag bei der „hessenschau“, der von zahlreichen großen Medien aufgegriffen wurde. Und es kommt noch dicker: „Auch der für den 8. Mai geplante Schulstreik, der unter anderem auch in Frankfurt stattfindet, dürfte maßgeblich von DKP- und SDAJ-Funktionären vorbereitet werden.“

Nun gibt es an jedem großen Geist etwas zu kritteln. Man könnte den Autor darauf hinweisen, dass die SDAJ ein eigenständiger Jugendverband ist und keine „Jugendorganisation“ der DKP. Oder darauf, dass zehntausende Jugendliche, die sich in lokalen Streikkomitees organisieren, eigene Aktionen planen und selbstständig denken, es verdient hätten, dass sich die Presse mit ihren Beweggründen auseinandersetzt. Oder dass es wirklich kein Geheimnis ist, dass sich Kommunisten für den Frieden und gegen Militarismus engagieren, und dass die SDAJ sich mit aller Kraft für den Kampf gegen die Wehrpflicht und für erfolgreiche Schulstreiks einsetzt. Aber es gilt die alte journalistische Weisheit: Die Geschichte muss nicht stimmen, sie muss nur rund sein. Und besonders rund ist sie für die kriegstüchtige Medienwelt, wenn der traditionelle deutsche Antikommunismus auf einen ordentlichen Schuss düsteren McCarthyismus trifft. Dann kann die Rote Angst umgehen.

In einer E-Mail, die Siefert vor der Veröffentlichung seiner „Recherchen“ an die Pressestelle der DKP schickte, spendierte er einen kleinen Einblick in seine tiefgründige Gedankenwelt. Besonders war ihm offenbar aufgestoßen, dass in der SDAJ der Begriff „Klassenbewusstsein“ verwendet wird. „Was genau verstehen Sie unter ‚Klassenbewusstsein‘?“, fragte er zum Beispiel. Und: „Gehört es zu Ihrem ‚Klassenbewusstsein‘ (sic!) eine weltweite Diktatur des Proletariats anzustreben?“ Und was das alles mit dem Kampf gegen den Militarismus zu tun habe, wollte er auch noch wissen. So ist das mit dem Klassenbewusstsein: Es denjenigen zu vermitteln, die keins haben, ist schon kompliziert genug. Es aber denen zu erklären, die die eigene Klasse verachten, ist nahezu unmöglich.

Vielleicht sollte Siefert mal die Schülerinnen und Schüler unterschiedlicher Weltanschauungen und politischer Überzeugungen fragen, die am 8. Mai wieder zu tausenden aus der Schule und auf die Straße strömen werden, um gegen die drohende Wehrpflicht zu demonstrieren – von der sie gemeinsam, als Klasse eben, betroffen sein werden. Oder aber er strickt weiter an der Story von den finsteren Mächten, die im Geheimen die Jugend verführen. Aber Achtung: In der Nische gibt es viel Konkurrenz.

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"Die Rote Angst geht um", UZ vom 24. April 2026



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