ThyssenKrupp und Tata treiben Monopolisierung in der Stahlindustrie voran

Es geht um viele Arbeitsplätze

Von Klaus Wagener

Tausende Arbeitsplätze bei ThyssenKrupp Steel sind in Gefahr. 7 500 Kolleginnnen und Kollegen demonstrierten am Freitagmorgen in Bochum. „Die Arbeitnehmervertreter haben sowohl gestern auf der Kundgebung als auch heute im Aufsichtsrat ihre Forderung nach Transparenz und Sicherheit deutlich zum Ausdruck gebracht“, sagte der nordrhein-westfälische IG-Metall-Chef Knut Giesler. Der Kampf für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze, der Montanmitbestimmung, gegen die Verlagerung des Firmensitzes in die Niederlande dürfte nicht einfach werden. Die Stahlarbeiterinnen und -arbeiter brauchen Solidarität und Unterstützung.

Die Vorstände von ThyssenKrupp und des indischen Mischkonzerns Tata hatten am Mittwoch letzter Woche eine Grundsatzerklärung (Memorandum of Understanding) „zur Gründung eines gemeinsamen Joint Ventures der europäischen Stahlaktivitäten“ unterzeichnet. Der „Synergie-Effekt“, 600 Mio. Euro/Jahr, sprich die höhere Profitrate, soll durch die Vernichtung von bis zu 4 000 Arbeitsplätzen erreicht werden. Noch ist unklar, wo genau dieser Kahlschlag erfolgen soll, dass die Arbeitsplätze bei ThyssenKrupp Steel dabei ungeschoren bleiben sollen scheint, wenn man sich die „Logik“ der bisherigen Monopolisierungs- und Zentralisationsprozesse betrachtet, aber relativ unwahrscheinlich.

Das „Joint Venture“ würde die nach Produktionsmenge Nummer 10 der globalen Stahlmonopole, Tata Steel Group, mit der Nummer 15, Thyssen­Krupp Steel, vereinen. (worldsteel.org, 2016). Tata produziert 24,49 Millionen Tonnen Stahl (Mega-Tonnen, Mt), ThyssenKrupp 17,24 Mt. Der Blick auf die Tonnenleistung verschleiert etwas, dass hier sehr unterschiedliche „Partner“ einen Deal abschließen wollen. Der Tata-Konzern setzt mit etwa 660000 Beschäftigten 103,5 Mrd. US-Dollar (86,2 Mrd. Euro) um, ThyssenKrupp bringt es mit 156 000 Beschäftigten und 39,2 Mrd. Euro nicht einmal auf die Hälfte des Umsatzes. Wer hier Koch und wer Kellner werden wird, dürfte ziemlich klar sein.

Arithmetisch käme der neue Gigant auf 41,73 Mt und wäre somit global knapp die Nummer Fünf. Der Branchenprimus ArcorMittal spielt mit 95,45 Mt ohnehin in einer eigenen Liga. Aber selbst die Nummer Zwei, China Baowu Group (vorm. Baosteel und Wuhan Group), liegen mit 63,81 Mt noch deutlich vor dem von der Wirtschaftspresse als „neue europäische Nummer Zwei“ gefeierten neuen Konzern. Inwieweit eine „europäische Nummer Zwei“, mit Sitz in den Niederlanden, in der durch Großfusionen gekennzeichneten Stahlbranche, für die Kolleginnen und Kollegen eine positive Perspektive darstellen soll, ist eine andere Frage.

ThyssenKrupp repräsentiert in etwa die neoliberale Variante der Vereinigten Stahlwerke. Das 1926 in einer Absatzkrise gegründete „vertikale“ Monopol, welches die deutsche Kohle-, Koks- und Gas- und Stahlproduktion integrieren sollte, galt zeitweise als eines der größten deutschen Unternehmen und hatte maßgebenden Einfluss auf die Machtübertragung an die Hitlerpartei. Führende Manager wie Fritz Thyssen, Albert Vögler, Emil Kirdorf und Ernst Poensgen waren, wie andere deutsche Schwerindustrielle, schon früh an der millionenschweren Förderung der nationalistischen und faschistischen Organisationen in der Weimarer Republik beteiligt. Die nach Kriegsende 1945 „entflochtene“ Stahlindustrie wurde schon früh, und mit Nachdruck ab den 1990er Jahren, durch Thyssen- und Krupp-Manager re-monopolisiert.

Für Tata Steel gilt eine ähnlich aggressive Aufkaufpolitik. In Europa machte der Konzern vor allem 2007 durch die Übernahme von British Steel und Koniglijke Hoogovens (Corus) für 8,7 Mrd. Euro Schlagzeilen. Eine Stahlfirma aus den Kolonien kaufte British Steel, die altehrwürdige, von Labour monopolisierte und von Thatcher privatisierte ehemalige ökonomische Basis des Weltreiches.

1998 demontierten chinesische Ingenieure im Dortmund-Hörder Hochofenwerk „Ofen 3“. „Ofen 3“ (an dem der Autor manche Schicht geschoben hat) galt mit einer Tagesleistung von 4 000 t Rohstahl als der modernste der drei Hörder Hochöfen. Die Chinesen zerlegten den Ofen plus der zugehörigen Anlagen komplett, packten ihn in Container, verschifften ihn nach China und bauten ihn in der Region Hubei wieder auf. Nicht wenige Kollegen fragten sich damals, wenn man in China mit „Ofen 3“ gutes Geld verdienen konnte, warum sollte das nicht auch in Hörde gehen? Zumal auch die 1,2 Mrd. DM teure, damals weltweit modernste Kokerei, „Kaiserstuhl III“, nach nur acht Betriebsjahren stillgelegt und ebenfalls nach China verschifft wurde.

In der Stahlindustrie zeigen sich exemplarisch die Wirkungen des Neoliberalismus. Bestand noch in den zwei Weltkriegen ein prioritäres Interesse an der nationalen Montan-, Elektro- und Chemieindustrie, so hat der entgrenzte Kapitalismus und der Niedergang der Großen Alternative strukturell für einen Prozess der Deindus­trialisierung, zwar in unterschiedlicher Ausprägung, aber in fast allen entwickelten kapitalistischen Staaten gesorgt. Für das global agierende Finanzkapital ist es gleichgültig, in welchem Land der Profit geschaffen wird. Was zählt, ist seine Höhe. Da sind Hungerlöhne, unterdrückte oder verbotene Gewerkschaften und nicht vorhandene Umweltstandards eben ein mächtiger Investitionsanreiz.

In den letzten 20 Jahren hat sich die globale Stahlproduktion von 751 Mt (1996) auf 1 629 Mt (2016) mehr als verdoppelt. Nachfrage ist reichlich vorhanden. Die chinesische Produktion hat sich im selben Zeitraum von 101 Mt auf 808 Mt exakt verachtfacht. Die deutsche Produktion ist dagegen mit heute 42 Mt bei leicht fallendem Niveau eher bescheiden geblieben. Selbst die 162 Mt der EU 28, ein knappes Zehntel der Weltproduktion, ist allenfalls im Bereich der Qualitätsstähle bedeutend.

Der relative Niedergang der deutschen Stahlindustrie wie auch der in Großbritannien und den USA ist die Kehrseite der Globalisierung genannten Entgrenzung des Finanzkapitals, des Wegfalls der Kapitalverkehrskontrollen und der aggressiven Exportorientierung. Wer das Faustrecht des ökonomisch Stärkeren fordert, darf sich nicht wundern, wenn er selbst von einem Stärkeren niedergeschlagen wird. Die deutsche Stahlindustrie ist ein Opfer auf dem Altar des „Freien Marktes“. Der Preis für die „Erfolge“ der deutschen Exportindustrie. Der „Freie Markt“ hat die VR China nicht nur im Stahlbereich zum dominierenden Global Player gemacht. In anderen Wirtschaftssektoren kann man allerdings keine so spektakulären rostigen Ruinen bewundern.

✘ Leserbrief schreiben

An die UZ-Redaktion (leserbriefe (at) unsere-zeit.de)

"Es geht um viele Arbeitsplätze", UZ vom 29. September 2017



Bitte beweise, dass du kein Spambot bist und wähle das Symbol Auto aus.

Vorherige

Tanz um den Profitimperativ

Obergrenze

Nächste