Zum Start-up „Twinwin“

Fair rausschmeißen?

Dieser Tage meldete die sogenannte „Gründerszene“, dass ein sogenanntes Start-up mit dem Namen „Twinwin“ Chefs dabei helfe, „Mitarbeiter fair zu entlassen“. Nanu? Haben jetzt stylische Unternehmensberater den Stein der Weisen gefunden, wie man Beschäftigte loswerden kann?

Was Anwälte manchmal nicht schaffen und was Verbandsfunktionäre nicht hinkriegen, das soll nun mit einem „Flatrate-Abo“ für 95 Euro im Monat möglich werden. Dabei muss man sich noch nicht einmal auf „analogen“ Anwaltsbesuch einlassen, nein: Es geht mit einer Software, „die die nächsten Schritte einer Kündigung erklärt und Fragen beantwortet“. Die Software sagt dem Nutzer angeblich auch, „wie man sich bei einem Gespräch verhalten und welche Sätze man vermeiden soll“. So erklärt es jedenfalls die Mitbegründerin des Start-ups, die ehemalige Anwältin Eleni Arvaniti, die für kein geringeres Unternehmen als „Price-Waterhouse“ tätig war.

Krisen machen erfinderisch. Und die Corona-Krise hat auch das Beratungsgeschäft gebeutelt. Da kann man schon mal auf Ideen kommen, zum Beispiel darauf, dass viele Rechtsabteilungen „keine sozialen Kompetenzen“ haben und viele Personalabteilungen „kein juristisches Know-how“ besitzen. Und da will das Berliner Start-up „Twinwin“ Abhilfe schaffen.

Na ja, warum auch nicht? Obwohl man da das Gefühl nicht los wird, als wolle da jemand gegen das Rechtsberatungsmissbrauchsgesetz verstoßen. Aber wir verraten es nicht. Sollen doch die Anwaltskammern selber dahinter kommen, zumal das Angebot sich ja nicht an abhängig Beschäftigte richtet, denen wir hier in erster Linie verpflichtet sind.

Aber auf eines wird man hinweisen dürfen: Die Behauptung, es gehe darum, Mitarbeiter „fair“ zu entlassen, ist eine Augenwischerei. Es geht darum, Beschäftigte zu entlassen; darum, dass ein Mensch seinen Arbeitsplatz verliert. Was, bitte, kann daran „fair“ sein?

Ja, es soll „fair“ aussehen. Es sollen Beschäftigte über den Tisch gezogen werden, möglichst selbst ihrer Kündigung und einem Aufhebungsvertrag zustimmen. Und alles soll „sauber“ aussehen und geräuschlos über die Bühne gehen. Aber kennen wir dieses Spiel nicht alle, die sich mit dem Arbeitsleben auskennen? Braucht es dafür eine Software? Was soll das ganze „Englisch-Sprech“, Legaltech, Start-up und so? Klingt toll, klingt modern, klingt wegweisend. Aber das ist nicht der Weg der Arbeiter und Angestellten. Für sie gilt, gleich ob modern oder alt, immer das Gleiche, solange es kapitalistische Produktionsverhältnisse gibt: Lasst euch nicht über den Tisch ziehen! Wahrt eure Rechte, glaubt nicht Sirenengesängen. Lasst euch beraten und unterschreibt nichts unbesehen.

Dann nützt dem Arbeitgeber auch eine „Legaltech-Software“ herzlich wenig.


Weitere Informationen zu „Aufhebungsverträgen“ sind in Geffkens Buch „Umgang mit dem Arbeitsrecht“ zu finden. Zu „fairen“ Kündigungen siehe auch „Der Fall Emmely“ und „Zielvereinbarungen“ auf dem YouTube-Kanal des Autors: kurzelinks.de/sfua


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"Fair rausschmeißen?", UZ vom 28. Mai 2021



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