Zu Luisa Neubauers Besuch in Lützerath

Stimmen abbaggern

Vom Heimatdorf aus waren es kaum 20 Kilometer, um in die abzubaggernden Dörfer im rheinischen Braunkohlerevier zu kommen. Königshoven in den 80ern und Garzweiler in den 90ern stehen stellvertretend für gut sechzig Orte, die Rheinbraun (heute RWE Power) weichen mussten. Fassungslos und doch auch fasziniert standen wir Sechzehnjährigen im fast leeren Königshoven, wo nur noch wenige, meist ältere Menschen misstrauisch aus den Fenstern schauten, die dem lukrativen Verkauf ihrer Häuser und der Umsiedlung in neue Orte namens Neu-Königshoven oder Neu-Garzweiler widerstanden, um letztlich doch zwangsgeräumt zu werden.

Im benachbarten Lützerath fanden sich am Samstag Greta Thunberg und Luisa Neubauer ein, nicht ganz unbeobachtet. Denn der „Fridays for Future“-Protest wird im Gegensatz zu unserem, den wir – nicht nur freitags, dafür in der Regel innerhalb der Schule – nicht nur gegen Rheinbraun, sondern parallel gegen Pershing II, Waldsterben, Neonazis und Jugendarbeitslosigkeit richteten, medial freundlich begleitet; ein Grund für das damalige Verschweigen dürfte die soziale Komponente unseres Protests gewesen sein. An mehr fortschrittlichen Menschen in den Medien kann es definitiv nicht liegen; es muss einfach in der höheren Zahl von Journalisten begründet sein, die den Grünen zugeneigt sind – also indirekt im Missverständnis, diese Partei hätte mehr als andere mit Umwelt- und Klimaschutz zu tun.

Da ist es nicht etwa anrüchig, sondern Teil des Plans, dass das „FfF“-Gesicht Luisa Neubauer Mitglied der Grünen ist. Diese imitiert die Unterstellung ihrer Parteichefin, die neue Regierung sei die letzte, die noch aktiv gegen den Klimawandel eingreifen könne. Natürlich wird Frau Neubauer als Mitglied des übernächsten Bundestags zu verteidigen wissen, warum ihre Partei 2021 am Ende in eine Jamaika-Koalition einwilligen musste, und mit Blick auf die Karriere zu begründen wissen, warum auch 2025 und 2029 der (nach ihr eigentlich schon 2021 gescheiterte) Kampf gegen den Klimawandel notwendig ist.

Es geht nicht um wohlfeile Kritik an der aktiven Jugend; ihre Sorgen sind berechtigt, wenn sie auch mit Smartphones, E-Scootern, Filmstreaming und andauernden Suchanfragen im Internet heute sicher das Zehnfache an Energie verbraucht als wir damals. Die Schuld liegt woanders: Zusammenhangsdenken wird ihnen von dem System, das sie ändern wollen, ohne ein anderes zu benennen, nicht beigebracht.

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"Stimmen abbaggern", UZ vom 1. Oktober 2021



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