Die ver.di-Arbeitszeitbefragung läutet die Tarifrunde im Öffentlichen Dienst ein

An der Uhr drehen

Nora Hachenburg

Die Idee, sich im größten Tarifbereich von ver.di mit dem Thema Arbeitszeit zu beschäftigen, ist nicht so neu, wie man vielleicht denken mag. Ursprünglich war das Thema für die Tarifrunde 2020 geplant. Es wurde dann aufgrund der Pandemie und ihrer Auswirkungen auf die Mobilisierungs- und Streikmöglichkeiten wieder fallen gelassen.

Doch Corona hat weder die Stimmen aus den Betrieben noch die Anforderungen an andere – nicht automatisch kürzere – Arbeitszeiten verstummen lassen. Und so legt ver.di fast ein Jahr vor der Tarifrunde im Öffentlichen Dienst (Bund und Kommunen) mit einer großangelegten Beschäftigtenbefragung den Grundstein für Arbeitszeitforderungen, um die es dann 2025 neben den Lohnforderungen für die circa 2,5 Millionen Beschäftigten gehen soll.

„Das Thema Arbeitszeit ist in aller Munde. Ihr berichtet von stetig steigendem Druck auf der Arbeit im öffentlichen Dienst, sowohl bei Bund und Kommunen als auch bei den Ländern: Ob in der Kita, im Krankenhaus, bei Stadtwerken und Flughäfen, bei der Bundesagentur für Arbeit ebenso wie in der Verwaltung, überall knirscht es. (…) Jetzt ist die Zeit reif, das Thema Arbeitszeit tarifpolitisch anzugehen und dafür brauchen wir natürlich Dich und Deine Kolleginnen als Expertinnen in eigener Sache.“ So wendet sich ver.di auf der Umfragehomepage und in den sozialen Medien an alle Beschäftigten und fordert zur Teilnahme auf. Anders als in der Forderungsdiskussion, die dann ab Juni unter den ver.di-Mitgliedern stattfindet, will die Gewerkschaft explizit einen großen Anteil von Nichtmitgliedern mit der Befragung erreichen und im Idealfall das Stimmungsbild von einer halben Million Beschäftigten in die Forderungsdiskussion einfließen lassen.

Geplant ist, dass die Bundestarifkommission die endgültige Tarifforderung im Oktober 2024 beschließt. Zu diesem Zeitpunkt wird also ein breites Bild zu Forderungen und Ideen der Beschäftigten rund um die Arbeitszeit vorliegen.

So sinnvoll es ist, sich ein möglichst umfassendes Bild über die realen Zustände in den Betrieben und über die Forderungen der Kolleginnen und Kollegen zu verschaffen, die Umfrage lässt einen schon aufgrund ihres puren Ausmaßes etwas ratlos zurück. Es braucht eine gute halbe Stunde, um sich durch die Frageseiten zu klicken. Gefühlt wird dabei jedes Thema abgefragt, das auch nur im Entferntesten mit Arbeitszeit zu tun hat. Ohne inhaltliche Gewichtung werden Themen wie Arbeitsverdichtung, Home-Office und Mitarbeiterprämien für die Gewinnung von neuen Mitarbeitern behandelt. Darüber hinaus geht es um die Forderung nach Reduzierung der Wochenarbeitszeit oder nach weniger Arbeitstagen pro Woche bis hin zu Altersteilzeit, Urlaubsfragen und Leiharbeit.

Die Gefahr besteht darin, dass man nach dem Resultat der wissenschaftlichen Auswertung, die für die Befragung geplant ist, den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht. Vor allem aber auch, dass die Vielfalt der berechtigten Bedürfnisse aus den unterschiedlichsten Bereichen dazu führt, dass die Debatte sich verirrt, und zwar weg von der gesellschaftlich notwendigen Verkürzung der Arbeitszeit in Richtung vielfältiger und im schlimmsten Fall betrieblicher Gestaltungsmöglichkeiten von Arbeitszeitveränderungen. Das würde die Beschäftigten eher spalten als einen. Die Zunahme von individuellen Arbeitszeitmodellen, Flexibilität und Home-Office-Möglichkeiten erschwert ein gemeinsames Bewusstsein, gewerkschaftliche Organisierung und große Auseinandersetzungen.

Und auch der Finanzierung von Arbeitszeitverkürzung durch die Beschäftigten selbst wird in der Befragung die Tür geöffnet: „Wenn Du die Möglichkeit hättest, Deine Arbeitszeit zu reduzieren – würdest Du dies tun, auch wenn sich dadurch Dein Entgelt entsprechend verringert?“ Natürlich sind die entsprechenden Abschlüsse mit solchen Wahlmöglichkeiten – allen voran bei der IG-Metall – auch in ver.di wahrgenommen worden.

Trotz all dieser Fallstricke in der Umfrage kann man sagen: Gut dass es sie gibt. Denn sie lädt ein, sich mit Arbeitszeitfragen im Tarifgeschäft auseinanderzusetzen. Aber auch gut, dass es nur eine Befragung ist. Spätestens in der Forderungsdebatte wird die Verbindung zu der Frage politisch diskutiert werden müssen, welches eine gemeinsame Forderung ist, die die Beschäftigten in die erwartbar heftige Tarifauseinandersetzung führt. Diesen Aspekt deutet ver.di zum jetzigen Zeitpunkt nur sanft an: „Nur mit Dir und vielen weiteren Mitgliedern können wir an der Arbeitszeit drehen. Und nur, wenn sich so viele Kolleg*innen wie möglich an der Arbeitszeitbefragung beteiligen, wissen wir auch, wie weit wir den Zeiger drehen können!“

Richtig ist, dass es sich lohnt, in jeder Phase dieser Tarifrunde dafür zu sorgen, dass wir den Zeiger, der die Wochenarbeitszeit abbildet, zurückgedreht bekommen.

Weitere Infos zur ver.di-Arbeitszeitbefragung und Möglichkeit zur Teilnahme online unter: kurzelinks.de/verdiAZU

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"An der Uhr drehen", UZ vom 8. März 2024



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