Zum Tod von Wiglaf Droste

„… dass alles, was man tut, für immer ist“

Von Melina Deymann

Wortgewaltig, sprachgewandt, ein Liebender des Wortes – landauf, landab fanden die Feuilletonisten anlässlich seines Todes am 15. Mai nur lobende Worte für Wiglaf Droste. Einen „barock-brachialen Satiriker“ nennt ihn etwa „Die Zeit“ und bedauert, dass mit seinem Tod „auch eine Ära der bundesrepublikanischen Publizistik“ endet. Die „Süddeutsche“ nennt ihn „Patriotismusverächter und Sprachliebhaber“, um im Vorspann des Artikels darauf hinzuweisen, dass man keine der Ansichten Drostes teilen müsse – „aber meistens hatte er ja recht“.

Wie schreibt man über einen solchen Meister des Wortes und der Formulierung, den man am Liebsten so in Erinnerung behalten möchte: mit einem Lied auf den Lippen, einem Hut auf dem Kopf und einem Glas Roten in der Hand den Abend nach der Lesung zur eigentlichen Lesung werden lassend.

Vielleicht, indem man darüber schreibt, dass es nie nur um das schöne Wort, die geschliffene Formulierung ging, sondern darum, zu sagen, was ist.

Dieses „Sagen-was-ist“ nennen die Feuilletonisten etwas verkniffen dann „brachial“ oder „kritisch“. Sie verzeihen nicht so gern, dass er im Kriegsgetümmel der Vernichtung Jugoslawiens dem wiedervereinigten Deutschland den Spiegel vorgehalten hat. Droste, ehemaliger Redakteur von „Titanic“ und „taz“, hat die Auseinandersetzungen mit den Herrschenden nicht gescheut. So schrieb er in der „taz“ im März 1999, kurz nach Beginn des Krieges gegen Jugoslawien: „Zur Seite steht Schröder ein Außenminister, der vom selben Schlag ist wie er: Einer, der sich aus dem Kleinbürgermief hochgebrüllt und -geprügelt hat und der, nachdem er die Seiten gewechselt hat, den feinen Mann markiert. Und der, um in dieser Position zu bleiben oder sie auszubauen, im Wortsinn alles tut – auch Leute über die Klinge springen lassen, im Koso- oder sonstvo.“ Die Zusammenarbeit mit der Zeitung sollte danach nicht mehr lange dauern.

Für seine Haltung und dafür, dass er sie ausdrückte, haben ihn die Vertreter dieses Staates immer wieder vor Gericht gezerrt. Als zum Beispiel Feldjäger Frauen, die halbnackt ein öffentliches Gelöbnis zu stören versuchten, brutal und ohne Rücksicht auf Verletzungen vom Platz schleiften, nannte er diese Feldjäger in einem Text „Waschbrettköpfe“. Zu 2 100 D-Mark Strafe verurteilte ihn ein Gericht in erster Instanz – das von Droste erfundene Wort stelle eine Beleidigung dar. In der Berufungsverhandlung stellte der Richter fest, dass „Waschbrettkopf“ keine Beleidigung sei, wohl aber die in dem Text aufgeworfene Frage „wie jemand, der als Mensch geboren ist, so etwas werden konnte: ein Kettenhund“. Hier sei Droste weit über Ironie und Polemik hinaus gegangen und habe den Feldjägern generell ihre Menschlichkeit abgesprochen. Droste wurde dafür verurteilt, dass er sagte, was ist.

Haltung bewies Wiglaf Droste auch während der „jungle World“-Abspaltung von der „jungen Welt“. 1994 war er mit Hermann Gremliza zur „jungen Welt“ gekommen, als die „Jungle World“-Leute 1997 gingen, blieb er.

Der frühere Chefredakteur der „jW“, Arnold Schölzel, schreibt im Nachruf der „jungen Welt“ von dem letzten Telefonat mit Wiglaf Droste, er habe sich auf seinen Auftritt auf dem „Festival der Jugend“ der SDAJ gefreut, er sei stolz auf die Einladung. Und Kommunist sei er geworden, denn „anders ist das alles nicht auszuhalten“.

Die SDAJ hat sich auch sehr auf seinen Auftritt gefreut. Das Festival muss nun ohne ihn stattfinden. Allerdings nicht ganz. „Auch wenn niemand seine Art, vorzutragen, ersetzen kann, wollen wir doch in dem Zeitraum seines geplanten Auftritts einige seiner Texte vortragen und so deutlich machen, was wir von ihm lernen können“, teilte die SDAJ mit. „,Zeit für Widerstand‘ ist das Motto unseres Festivals. Warum es Zeit für Widerstand ist, hat Wiglaf Droste immer wieder auf seine einzigartige Art und Weise deutlich gemacht. Nicht nur, aber auch, weil das eben anders alles nicht auszuhalten ist.“

Wiglaf Drostes Widerstand gegen diese Gesellschaft, gegen ihre Dummheit und Borniertheit, sein Widerstand gegen den Krieg bestand darin, laut zu sagen, was ist. Denn anders als die Fischers und Schröders dieses Landes, die meinen, man werde ihre Lügen schon bald wieder vergessen, damit sie in Ruhe die nächsten Kriege vorbereiten können, wusste Droste, dass „alles, was man tut, für immer ist“.

Und, dass man die Dinge beim Namen nennen muss.


 

Sind Soldaten Faxgeräte?

Mörder darf man sie nicht nennen

Denn Soldaten sind sensibel

Legen Hand auf Herz und Bibel

Fangen dann noch an zu flennen:

„Ihr sollt uns nicht Mörder nennen!“

Ja, wie soll man sie denn nennen?

Faxgeräte? Sackgesichter?

Zeugungsfähiges Gelichter?

Freddies, die auf Totschlag brennen?

Weder Geist noch Güte kennen?

Oder sind sie Schnabeltassen?

Tennisschläger? Liebestöter?

Kleiderständer? Brausepöter?

Die sich das gefallen lassen:

„Schütze Arsch! Los! Essen fassen!“

Sind sie vielleicht Käsesocken?

Die auf Pils und Deutschland schwören?

Und gern „Tote Hosen“ hören?

Wenn sie auf der Stube hocken

Und um Gonokokken zocken?

Ach, wie soll man Mörder nennen?

Man zerfleddert nur die Wörter

Nennt man Militärs nicht Mörter.

Selbst wer schlicht ist, muss erkennen:

Mörder soll man Mörder nennen.

Wiglaf Droste

Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Edition Tiamat.

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Über den Autor

Melina Deymann, geboren 1979, studierte Theaterwissenschaft und Anglistik und machte im Anschluss eine Ausbildung als Buchhändlerin. Dem Traumberuf machte der Aufstieg eines Online-Monopolisten ein jähes Ende. Der UZ kam es zugute.

Melina Deymann ist seit 2017 bei der Zeitung der DKP tätig, zuerst als Volontärin, heute als Redakteurin für internationale Politik und als Chefin vom Dienst. Ihre Liebe zum Schreiben entdeckte sie bei der Arbeit für die „Position“, dem Magazin der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend.

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"„… dass alles, was man tut, für immer ist“", UZ vom 24. Mai 2019



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