Über Robert Habeck und die grüne Atomenergie

Philosophenendlager

Natürlich werden sie es machen.

Als pazifistische Partei musste „Bündnis 90/Die Grünen“ den Jugoslawienkrieg geradezu machen, weil MiloŠevié ihr keine Wahl ließ, dem Balkan Menschenrechte auf andere Weise als bombend nahezubringen. Und in Hessen prügelte sie gerade einen Autobahnbau durch ein Waldgebiet, weil den freien Bürgern, die sich E-Autos leisten können, eben einfach freie Fahrt gebührt. Deshalb wäre niemand überrascht, wenn die Grünen in dieser Bundesregierung (die letzte, die den Klimawandel noch aktiv bremsen kann – sofern nicht auch der nächste Wahlkampf mit diesem Slogan gewinnbar erscheint) mit SPD und FDP den Wiedereinstieg in die Atomkrafttechnologie beschließen.

Aber wie das der beziehungsweise wie die Basis verkaufen? Klimaschutz- und Wirtschaftsminister Robert Habeck, dem manche der Qualitätsmedien gern eine Philosophenaura bescheinigen, weil er auf wichtige Fragen keine vorschnellen Antworten gibt, ist pflichtgemäß empört angesichts der Idee der EU-Kommission, neue Atomanlagen als klimafreundlich einzustufen. Und zwar dann, wenn sie vor 2045 genehmigt werden und bis 2050 deren Atommüllentsorgung fachgerecht geplant werden kann. Die Kommission – der mit diesem Beschluss offenbar ihre deutsche Präsidentin abhanden kam, so auffallend wird hierzulande ihr Name im Zusammenhang mit diesem Beschluss verschwiegen – will auch Erdgas als „grün“ einstufen, wenn das neugebaute Kraftwerk nur wenig Treibhausgase emittiert.

Angesichts der Tatsache, dass die Kommissionsvorlage von mindestens 15 EU-Staaten abgelehnt werden müsste, aber derzeit neben Deutschland nur Luxemburg und Österreich dagegen sind, wird Habeck sein Amt vermutlich nicht für alte Überzeugungen riskieren müssen, sondern einfach die Hände heben. Auf wichtige Fragen hat er nämlich nicht nur keine vorschnellen, sondern auch keine durchdachten Antworten – also eine gültige Eintrittskarte in das bürgerliche Philosophenendlager.

Abgesehen davon, dass Atomkraft zwar sündhaft teuer ist (für den Staat, nicht für die Betreiber), ist sie tatsächlich so klimaneutral wie Wind- oder Wasserkraft; im Sinne der ausgerufenen EU-Klimaneutralität bis 2050 also zielführend. Wer Gas, Benzin und Kohle ablehnt und gleichzeitig alles elektrisiert, wird am Ende an dieser Tatsache nicht vorbeikommen. Da Atomenergie aber menschheitsgefährdend ist – ergo nicht in Frage kommt  –, braucht es eine Lösung. Lieber nicht zu denken, als schnell zu denken, hilft da nicht.

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"Philosophenendlager", UZ vom 7. Januar 2022



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