Bauleute wollen Entschädigung und mehr Lohn bei vollen Auftragsbüchern

Wegezeit ist Lebenszeit

Am 19. Mai konnte die Tarifkommission der IG BAU ihren Vorstellungen und Forderungen für einen kräftigen Lohnaufschlag in direkten Verhandlungen mit dem Hauptverband der Deutschen Bauindustrie (HDB) und dem Zentralverband des Deutschen Baugewerbes (ZDB) Nachdruck verleihen. Die Tarifkommission der IG BAU in Berlin wurde durch zahlreiche örtliche, über die gesamte Republik verteilte Kundgebungen und Aktionen auf Baustellen und Betrieben begleitet.

Die in den Betrieben und auf regionalen Tarifberatungen gemeinsam beschlossene Forderung beinhaltet drei Punkte: 6,8 Prozent mehr Lohn, mindestens 230 Euro. Eine Wegezeitentschädigung, die deutlich besser ist als die heutige tarifliche Regelung. Und 100 Euro mehr für die Auszubildenden.

Die Rechnung ist recht einfach: Die Auftragsbücher der Unternehmen, und das gilt für große, mittlere wie auch kleine, sind voll. Auch wenn sich in diesem Jahr eine Abschwächung zeigen kann, sind die Aussichten weiterhin und trotz Corona gut. So urteilen selbst die Unternehmensbarometer. Bei den beginnenden Verhandlungen werden diese „Selbsteinschätzungen“ gerne wieder unter den Verhandlungstisch gekehrt. In nicht wenigen Baubetrieben wurden in den ersten Tagen der Corona-Pandemie auf Drängen der Betriebsräte Betriebsvereinbarungen zur möglichen Kurzarbeit verhandelt. Oft konnten – vor dem Hintergrund der kaum durch Corona beeinflussten Baukonjunktur – Vereinbarungen mit erhöhtem Kurzarbeitergeld abgeschlossen werden. Bisher wurden diese Regelungen äußerst selten genutzt.
Die Baubranche ist eine der starken in diesem Land: Rund 720.000 Kolleginnen und Kollegen erarbeiteten im Jahr 2019 über 130 Milliarden Euro Umsatz, mehr als zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Ein Knackpunkt der laufenden Verhandlungen wird die Entschädigung der Wegezeiten. Dabei geht es um die Fahrten von den Betriebsstätten beziehungsweise Sammelstellen zu den Baustellen.

„Unsere Kollegen und Kolleginnen fahren oft stundenlang zur Baustelle und von dort wieder zurück. Sie haben keinen Einfluss darauf, ob es zehn, hundert oder zweihundert Kilometer sind. Bisher erhalten sie dafür aber keinen müden Cent oder einen anderen Ausgleich. Das ist eine ungerechte Benachteiligung gegenüber stationär Arbeitenden, die endlich abgeschafft werden muss“, erklärte dazu Carsten Burckhardt, Verhandlungsführer der IG BAU.

Das Jammern der Bauindustrie wegen fehlender Fachkräfte und damit deutlicher Verlangsamung des Abarbeitens von Aufträgen kann nach Meinung der IG BAU nur durch eine Ausbildungsoffensive für die Bauberufe beantwortet werden. Dass diese Berufe Zukunft haben, steht außer Frage. Beim Bau von Gebäuden, Straßen und Versorgungseinrichtungen ist Outsourcing nicht möglich.

Tausende Ausbildungsplätze wurden in den vergangenen Jahren abgebaut. Erst seit circa zwei Jahren dreht sich der Wind, es werden wieder junge Menschen für die hochentwickelten Bauberufe gesucht. Mit einem guten Ausbildungslohn können junge Menschen dafür gewonnen werden, meint die IG BAU.
Die Verhandlungen werden am 4. Juni fortgesetzt.

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"Wegezeit ist Lebenszeit", UZ vom 29. Mai 2020



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