Zur baden-württembergischen Energiesparkampagne

Für dumm verkauft

In irgendeinem Gesetz muss festgelegt sein, dass der trotteligste Landesvater immer aus Baden-Württemberg kommt. Schon mehrmals hat sich der Reaktionär mit grünem Parteibuch, Winfried Kretschmann, als würdiger Nachfolger der gesamten CDU-Ministerpräsidenten erwiesen. Erinnert sei nur an Günther Oettinger. Der musste 2007 auf die Frage, ob Deutschland im internationalen Wettbewerb mithalten kann, noch antworten: „Das Blöde ist: es kommt kein Krieg mehr.“
Dank der Grünen in Regierungsverantwortung ist das heute anders. Deutschland ist Kriegspartei, für einige noch viel zu wenig. Blöd nur, dass Teile der Bevölkerung nicht dankbar sind. Sie sollen ja nur etwas hungern und frieren für die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Konzerne, oder wie es offiziell heißt, die europäischen Werte. Dabei schicken die Herrschenden doch bisher noch gar keine deutschen Soldaten in den Tod.

Damit das Volk bei der Stange bleibt, hat Kretschmann etwas von ganz Schlauen ausdenken lassen: „Cleverländ – Zusammen Energie sparen“. Die Kampagne soll den Zusammenhalt gegen den bösen Russen stärken, der uns mit seiner Energie anhängig gemacht hat. Dann soll sie uns vor dem Klimawandel retten. Und dann auch noch ein bisschen Geld sparen.

Im Video empfiehlt der Landesvater, die Nachtabsenkung der Heizung einzustellen. Vermutlich haben alle außer mir in Baden-Württemberg im letzten Winter nachts die Fenster aufgerissen, da es sonst zu heiß in der Wohnung war. Viel Energie ließe sich auch sparen, wenn die Temperatur abgesenkt wird. Ein Grad weniger bringe 6 Prozent Ersparnis. Die Gasversorger in Karlsruhe und Mannheim haben ihre Preise für Bestandskunden zum 1. Oktober um 30 Prozent erhöht. Bei einem bisherigen Abschlag von 100 Euro müssen zukünftig 130 Euro gezahlt werden. Wer Papa Winfrieds Spartipps beherzigen möchte, muss die Heizung um vier Grad runterdrehen, um die Preissteigerung auszugleichen. Dumm läuft es für diejenigen, die ihren Versorger wechseln müssen. Die ENBW bietet mir als Neukunde einen Gasabschlag von 473 Euro monatlich an. Da muss die Heizung aus bleiben.

Auch die anderen Energiespartipps sind eher für diejenigen, die sich bisher noch keinerlei Gedanken gemacht haben. Schon mal was davon gehört, dass Kochen mit Deckel Energie spart? Oder dass Elektrogeräte auch im Standby Strom verbrauchen? Meine Mutter ist da gefühlt seit 20 Jahren hinterher. Auch für Autofahrer gibt‘s noch gute Tipps. Wusstet ihr schon, dass im zweiten Gang durch die Stadt zu fahren mehr Sprit verbraucht? Nicht fehlen darf der Hinweis auf Wärmedämmung, neue Heizungsanlagen und neue Fenster. Die Kosten werden auf die Mieter umgelegt. Damit kommt zu den steigenden Kosten für Energie auch noch eine fette Mieterhöhung.

Der grünen Wählerschaft mit entsprechendem Geldbeutel empfiehlt der Landesvater die Anschaffung eines E-Autos. Damit könne sie dann 270 Euro jährlich sparen. Da lohnen sich die sieben Monate Wartezeit auf ein Tesla Model Y mit 514 PS.

Cleverländ zeigt, in welcher Dummheit uns die Herrschenden halten wollen. Dabei helfen leider Gewerkschaften und Linkspartei. Die Ursache für die Preisexplosion soll verwischt werden: Der Wirtschaftskrieg gegen Russland hat zu einer Verknappung des Gasangebots geführt, was die Preise in die Höhe treibt. Über North Stream 2 könnte kurzfristig günstig Gas aus Russland bezogen werden. Das würde eine Verschnaufpause ermöglichen, um die Probleme anzugehen.

Aber der deutsche Imperialismus will den Krieg. Dafür sollen wir bisher nur sparen, noch nicht bluten.

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Über den Autor

Björn Blach, geboren 1976, ist als freier Mitarbeiter seit 2019 für die Rubrik Theorie und Geschichte zuständig. Er gehörte 1997 zu den Absolventen der ersten, zwei-wöchigen Grundlagenschulung der DKP nach der Konterrevolution. In der Bundesgeschäftsführung der SDAJ leitete er die Bildungsarbeit. 2015 wurde er zum Bezirksvorsitzenden der DKP in Baden-Württemberg gewählt.

Hauptberuflich arbeitet er als Sozialpädagoge in der stationären Jugendhilfe.

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"Für dumm verkauft", UZ vom 23. September 2022



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